Lidl lohnt sich – auch als Parkplatzfläche
Die Zeit rast dahin. Wir wissen von -sagen wir- älteren Generationen vor uns aus deren Erzählungen, dass sie sich beispielsweise noch zum Tanztee trafen. Wir selbst hatten Mitte der Siebziger und bis in die Achtziger hinein Teestuben, aber dort lief Led Zeppelin, es roch nach Pachouli und die Luft war auch sonst eigenartig rauchgeschwängert. 1935 geborene Berliner waren 1957 22 Jahre alt und durften gerade erst weggehen, und da war eben Tanztee Usus. Man war seinerzeit erst mit 21 Jahren volljährig. Ein schicker Treff war seinerzeit der
Prälat Schöneberg, ein hässlicher Bau (Baujahr 1938) auf dem Grundstück Hauptstr. 30-33 in Berlin-Schöneberg. Irgendwann gab der Prälat seinen Geist auf, das ist noch gar nicht mal so lange her. Wir erinnern uns, dass wir als Mitarbeiter der
DEGEWO jüngster Nachrücker im Betriebsrat wurden. Mit ca. 22 Jahren eine kämpferische Rede vor 300 bis 400 Mitarbeitern zu halten und zu behaupten ‘Unter den Talaren weht Muff von 1000 Jahren!’, das war nicht leicht. Betriebsversammlungen dieser Art gab es viele im Prälat Schöneberg, aber da war der Tanztee längst in die Jahre geraten. Wer mag schon gerne Hazy Osterwald? Oder diese ganzen Schlagerfuzzis von früher? – So gesehen ist es ja nicht mal schlecht, dass das Ding einfach überwiegend abgerissen wurde. Erhalten sind nur zwei unter Denkmalschutz stehende, alte Ballsäle. Nun ist Gott sei Dank ausgeschlossen, dass sich derartiges wiederholt!
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Ob nun allerdings eine gute Alternative darin besteht, dass nun auf jeder neuen Freifläche die Schergen der
Lidl-Stiftung ausschwärmen, um dort neue Absatzmärkte aufzustellen, das ist eine ganz andere Frage.
Das Grundstück liegt an der Achse Hauptstr. und mit Sicht auf das dahinter befindliche Gasometer. Die ganze Gegend besitzt einen Stilmix, oder auch irgendwie so gar kein Gesicht. Es fehlt etwas durchgängiges Urbanes. Altbau, sozialer Wohnungsbau, Neubau, Gewerbe, Stilmix, oder ist das doch ohne Stil, stil-los? Ecke Dominicusstr. fährt man links auf die Autobahn ab, aber erst noch vorbei am
Platinum, die Kirche und der Friedhof an der Ecke, früher auch die Bereitschaftspolizei (EB 42), aber mit der Abschaffung der E-Kommandos (nicht eCommando sind auch die Polizisten weitgehend weg. Oder sieht man sie nur nicht? Dafür der große, übersichtliche türkische Supermarkt, und -last but not least- das Stadtbad Schöneberg.
Vor wenigen Wochen suchte die BZ Berlin einen Strolch, der unter der Männerdusche Jungs begrabscht hatte. Jetzt hat das Stadtbad ausgewachsene, leicht untersetzte Bodyguards (T-Shirt Aufdruck SECURITY) angeschafft. Die duschen aber nicht, sondern sind am Eingang postiert. Obwohl: ein überaus ausführlich tätowierter, mit Muskeln und Fett durchsetzter Securityposten, nackt unter der Dusche und mit Halskette -Fettdruck: Security-, das tät mich schon beeindrucken tun. Die Schwimmbad-Strategen aber dachten offensichtlich anders: weg vom Lustprinzip und hin zum Prinzip ’Flagge zeigen’, gleich vorn am Eingang.
Sollen doch die Sittenstrolche schon gleich vorn bedenken, was unter der Dusche möglicherweise noch alles auf sie zukommt.
Die Anreisenden, die Gegend genießend, finden schwierig Parkplätze. Gestern war Sonntag, die Schranken bei Lidl waren hoch, und gut sichtbar lesen wir ”LIDL LOHNT SICH“. Nun wissen wir, hier dürfen wir heute sogar kostenlos parken. “LIDL LOHNT SICH” erklärt uns, wie sehr sich Lidl für den öffentlichkeitsscheuen Herrn Schwarz, dem Inhaber der Lebensmittelkette lohnt. Lohnt sich Lidl aber auch für uns? Doch, ja: Danke, liebe Lidl-Stiftung, danke für am Sonntag kostenlos benutzbare Parkplätze gegenüber vom
Stadtbad Schöneberg. Am Ende muss man sich hüten, solche Betriebsgeheimnisse auszuplaudern. Sonst bekommt der Objektmanager für Lidl´s Schöneberg-Märkte am Ende noch eine Strafe aufgebrummt. Zu lax gehandhabt und die Besteuerung von Parkplätzen am Wochenende unterlassen: wir sehen schon die Abmahngründe in der Personalakte. Hoffen wir allerdings, dass wir nicht heimlich video-tisch überwacht wurden und nun nachzahlen müssen. Mit Videoüberwachung hat man bei Lidl sehr große Erfahrungen, auch davon war schon in der bundesdeutschen Presse zu lesen. Und auch das ist noch gar nicht mal so lange her.


Februar 4th, 2010 um 14:13
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