Hall of Fame oder ‘schwingt das Bein’

thomas
Rheinstr. 44, 12161 Berlin (Friedenau)

Rheinstr. 44, 12161 Berlin (Friedenau)

Die Gebäudeeigentümerin Becker & Kries baut das traditionsreiche Gewerbeanwesen an der Rheinstr. 44, 12161 Berlin (Friedenau) gerade um. Man fragt sich, was wohl aus dem Ort nun wird? Ein Aufsteller auf dem Fußgängerweg weist uns darauf hin, dass die seit ehedem dort ansässige  Tanzschule Keller nach wie vor ihre Pforten geöffnet hält. Der Ort hat eine gewisse Würde, darüber können auch Bau- und Staubnetze, selbst Rüstung nicht hinwegtäuschen. Unsere Erinnerungen gehen zurück bis an den frühen Rand der 80iger, ein bisschen weiter zurück allerdings nicht, denn jeder muss erst einmal erwachsen werden, bevor er sich in Erinnerungen suhlen kann.

Da war die Tanzschule Keller schon dort. Der Autor weiß zu berichten, dass auch diese -jedenfalls seinerzeit- sehr wohl in die engere Auswahl angehender Tanzschüler (bzw. deren Eltern, grmpff) geriet, die  durchaus für erste wacklige Schritte in Frage käme. Jugendliche erhielten damals noch eine gewisse Erwägung ihrer Eltern, Aufforderungen zum Gesellschaftstanz nicht mangels eigener Kenntnisse zu versäumen. Dabei werden die wenigsten ‘große Gesellschaftstiere’, so wie Dagmar Koller in Wien oder der Baulöwe Lugner, dessen Vormalige sich sogar allen Ernstes Putzi (und manchmal ‘Mausi’) nannte. Der Wiener Opernball wird von wenigen Berlinern tatsächlich als besonders interessantes Ereignis angesehen, zu dessen Besuch eine wenigstens rudimentäre Kenntnis von Schwing- und Trippeltänzen etwas nützt.

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Für Eltern fügte sich die Vorstellung vom Fortkommen der eigenen Kinder fest mit der Maßgabe zusammen, Rumba, Slow, Foxtrott, Samba und Merengue seien keine südamerikanischen Mixgetränke, sondern wiegende Schritte zur besseren Umklammerung des jeweils anderen Geschlechts. Wer nie gelernt habe, eine eventuelle ‘Mausi’ fest an sich zu reißen, der wisse schließlich später auch nie, wie man heiratet, Kinder zeugt und so das darwinsche Prinzip der biologischen Auslese sichere. Sie waren fünfzehn, sechszehn oder auch siebzehn, jedenfalls erhielten sie so ‘Schulungen fürs Leben’. Die Musik war nicht genau diejenige, die Jugendliche damals hörten, doch das spielte keine Rolle. Immerhin hat auch Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl bekanntlich besonders  Franz Lambert und seine gnadenlosen Hammond-Orgel zu seinem Favoriten erklärt. Zu jener Zeit, dass sollten vor allem noch Jüngere einmal aufmerksam erfahren, gab es nicht einmal einen Bundeskanzler Helmut Kohl. Der hieß Helmut Schmidt und gehört inzwischen zu den deutschlandweit geliebten Ikonen deutscher Geschichte. Während Sandra Maischberger preisprämierte Salongespräche mit dem Alt-Alt-Bundeskanzler Schmidt und Frau Loki aufzeichnet, darf Helmut sich leisten, was keiner sich leisten darf. Er sitzt rauchend in einem Washingtoner Café und sogar der Geschäftsführer hat dagegen nichts einzuwenden. Helmut Schmidt hat es zusammengefasst: Zu einem langen Leben braucht man Gesundheit, eine funktionierende Beziehung und Zigaretten! Wir fügen hinzu: nicht Tanzschulen!

Alt-Bundeskanzler Kohl und Franz Lambert (29.04.05) - Quelle: franzlambert.de

Alt-Bundeskanzler Kohl und Franz Lambert (29.04.05) - Quelle: franzlambert.de

Wer wollte da ernstlich etwas gegen die Betätigung als Anfänger oder Fortgeschrittener bei der Tanzschule Keller einwenden? Niemand. Das mit Franz Lambert, Helmut Kohl und der südamerikanischen Tanzmusik ist vor diesem Hintergrund erst einmal vollkommen wurst. Die großen beiden Kontrahenten am Orte, was Tanzkurse anging, waren die Tanzschulen Keller und Brandt (direkt schräg gegenüber im Obergeschoß vom Titania Palast). Das Schlimmste waren die Abschlussbälle, z.B. im  Titania-Palast in der Schöneberger Hauptstr., ein paar Kilometer, erst die Rhein-, dann die Hauptstraße entlang Richtung Schöneberg. Die Tanzschulkurse wären alle nicht so leicht zu ertragen gewesen, wenn nicht unmittelbar unter der Tanzschule Keller (im hier abgebildeten Gebäude) auch die ‘Music Hall’ ansässig gewesen wäre. Schon ein paar Jahre später nach Abschluss der Tanzschulkurse hatten die inzwischen in ihre eigene Endzeit als Jugendliche gekommenen Jungerwachsenen nur noch Hohn und Spott für die glattgebügelten, anzug- und kostümchenbehafteten Tanzschüler. Man trug inzwischen Lederjacke, Nietenarmbänder und zuweilen sogar Rasierklingen und Sicherheitsnadeln eingesteckt, und das nur zu schmückenden Zwecken.

Heute haben wir ein Auge auf die geschichtsbeladenen Hallen des Ruhms und erwarten neugierig, wie sich in kurzer Zeit dies Immobiliare wiedereröffnen wird? Eins scheint sicher zu sein: So wie es war, wird es nie wieder.


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