Paarungswillige versus Schlafgängerwesen – Das Ledigenheim ist keine Single-Börse (mehr)

thomas
Ledigenheim, Danckelmannstr., Charlottenburg

Ledigenheim, Danckelmannstr., Charlottenburg (Bild 1/2) - abends

Im Ledigenheim musste die Paarungswillige gar nicht erst anfangen zu suchen. Man wird schnell fündig. Nomen est omen. Hereingeschneit und paarungsbereit. Heutzutage haben derlei Einrichtungen dank des Internets keine Chance mehr zu überleben. Ledigenheime sind heutzutage im virtuellen Raum zuhause und als  Single-Kontakt-Börsen gebräuchlich und obwohl es immer mehr davon gibt, darunter auch gebührenpflichtige, gibt es -merkwürdigerweise- nicht weniger, sondern immer mehr Singles. Bei manchen Männern geht der Trend eher zur Zweit- oder Drittbeziehung, bei mancher Frau gar zum unverbindlichen Gesamtabenteuer. Das war Anfang des vorigen Jahrhunderts noch ganz anders. In den erhältlichen Informationen über diese Einrichtung in Berlin-Charlottenburg, Danckelmannstr. 46-47, des Bezirksamts Charlottenburg-Wilmersdorf heißt es dazu auszugsweise wie folgt:

(Zitat) Am 1. April 1908 wurde in der Danckelmannstr. 46-47 das erste deutsche Arbeiterwohnheim eröffnet, das seinen Bewohnern anstelle der bislang üblichen Unterbringung in kargen Schlafsälen den Luxus von Einzelzimmern bot. Der Architekt, der Charlottenburger Stadtbaurat Rudolf Walter, baute ein “Unterkunftshaus in erster Linie für unverheiratete junge Männer, die sonst auf Schlafstellen angewiesen sind, Männer mit bescheidenem Einkommen, doch immer im Vollbesitz ihrer Kräfte und daher erwerbsfähig.” So hieß es damals in einer Beschreibung.

Mit diesem “Hotel” für Arbeiter, Angestellte und Handwerker machte die wohlhabende Bürgerstadt Charlottenburg den Versuch, dem gefürchteten “Übelstand” des sogenannten Schlafgängerwesens exemplarisch entgegenzutreten. Allein in Charlottenburg gab es zu dieser Zeit rund 8000 Schlafburschen, meist jüngere Arbeiter, die wegen der immensen Wohnungsnot und ihres geringen Einkommens nur Bettstellen als Übernachtungsmöglichkeit anmieten konnten. Von bürgerlichen Reformern wurden die Schlafgänger verantwortlich gemacht für die verheerende Überbelegung vieler Arbeiterwohnungen und für die Zerstörung der Familie. Ihnen wurden Gewaltverbrechen, Unmoral und vor allem die Verführung von Ehefrau und Kindern der abwesenden Vermieter vorgeworfen.

***

Das Charlottenburger Ledigenheim hatte Modellcharakter als Versuch, diesen beklagten Übelstand zu beheben. Geboten wurde hier ein hotelähnlicher Komfort und Service. In dem Bau waren unter anderem auch eine Volksbücherei, eine Volksbadeanstalt und eine Volksspeisehalle untergebracht, außerdem drei Geschäfte, die zur Rentabilität beitragen sollten. Träger des Heims war die 1905 gegründete “Volkshotel AG Ledigenheim”. Von ihren 41 Aktionären gehörten 22 dem Charlottenburger Magistrat bzw. der Stadtverordnetenversammlung an.

Bis zu 370 Männer lebten in den bescheidenen, 6 qm großen Einzelzimmern des Wohnheims. Wegen des rigorosen Zutrittsverbots für Frauen (Anmerkung der Redaktion: Schade!) wurde es in der Nachbarschaft “Bullenkloster” genannt. Entgegen vieler Besorgnisse war der Ruf des Heimes solide und gut. Sogar ökonomisch wurde der Heimbetrieb zum Erfolg. In der Weimarer Republik kam es allerdings zu heftigen Mieterunruhen (Anmerkung der Redaktion: Siehste! Deswegen!). Im Sommer 1930 protestierten die Mieter gegen die rigide Hausordnung und gegen den inzwischen schlechten baulichen Zustand des Hauses.
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg war das Ledigenheim voll besetzt, geriet aber schnell in den Ruf einer ausgesprochenen Notunterkunft. Es gab immer mehr Spannungen und latente Aggressionen. Als Ende der 60er Jahre die Wohnungsnot beendet war, standen immer mehr Zimmer leer. 1971 löste sich die Aktiengesellschaft auf und verkaufte das Heim an die externer Hyperlink Gewobag, die das Haus 1973 schloss und es von 1977 bis 1979 umbaute. Die Außenfassade wurde originalgetreu rekonstruiert und saniert. Heute ist das Haus ein Studentenwohnheim mit 154 Einzelzimmern.

Literaturquellen
Ralf Zünder: Vom Ledigenheim zum Studentenwohnheim Danckelmannstraße, Berlin 1990 (= Schriften zur Hochschul-Sozialpolitik, hg. vom Studentenwerk Berlin)

Website des Bezirksamts Charlottenburg-Wilmersdorf mit externer Hyperlink Ursprungsartikel

Homepage des Studentenwerk Berlin mit externer Hyperlink Informationen zum heutigen Betrieb

Ledigenheim, Danckelmannstr., Charlottenburg (Bild 2/2)

Ledigenheim, Danckelmannstr., Charlottenburg (Bild 2/2) -tagsüber

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