15.692 km von Berlin entfernt trampt eine Berlinerin 500 km durch die Wüste (Reisebericht)

thomas
Mehr als 15.000 km von Berlin entfernt!

Mehr als 15.000 km von Berlin entfernt!

Er ist Halb-Australier,  mütterlicherseits. Im Alter von nur neun Monaten schiffen seine Eltern sich nach Berlin, Deutschland, ein. Der Bruder seines Vaters hat ein Angebot geschickt. Eine Firma gründen. Das ist lange her. 

Nun ist er wieder da, dort in Australien, und der Wegweiser, den wir sehen bescheinigt eine Entfernung von mindestens 15.000 km nach Berlin. Nach Hause. Es ist heiß im Sommer 2005 in Australiens Wüste. Der Sommer in Australien findet bekanntlich während des deutschen Winters statt. Er war schon oft in Australien. Allerdings immer allein. Doch dieses Jahr ist alles etwas anders. Er verspricht ‘seinem’ Mädchen die große, weite Welt. Er ist eine sensible Seele, war als Sporttaucher auch in Ägypten am Roten Meer unterwegs. Früher hatte er immer angerufen und herzerschütternd geweint: ‘Ohne dich fahre ich nie wieder weg.’ Jetzt hat er (endlich) Wort gehalten. Sie sind in Australien. Mehr als 15.000 km von Berlin entfernt.

***

Seine Schwester ist auch mit in ‘down under’. Die Geschichte mit Australien fängt in Berlin an. Seine Schwester feiert ihren Geburtstag in Berlin. Sein Vater fragt seinen Sohn: ‘Sag mal, hast du dein Ticket nach Australien abgeholt?’ Brigitte (* Name geändert) fragt sich, warum nur ein Ticket? Er erklärt es ihr, die Eltern sind schon so alt. Er will mit Brigitte alt werden, sagt er. Er sagt zu, noch ein zweites Ticket für Brigitte zu besorgen. Schließlich bezahlt Brigitte es selbst. Der Zielflughafen der nun folgenden Weltreise ist Brisbane. Sie fliegt allein. Denn er ist schon da, wegen seiner Eltern. Er lässt sie allein fliegen. Und nun ist sie da, ihm hinterher gereist, nach Australien.

Er holt sie am Flughafen ab, und er hat schlechte Laune. Ob Brigitte sich mit anderen Männern getroffen habe, derweil? Seine Schwester ist auf Abstinenz: Sie versucht, sich in Australien das Rauchen abzugewöhnen.  Es folgt eine Woche totaler Familienidylle:  Seine Mutter schaut immer ganz liebevoll, wenn Brigitte dem Papa von ihm die Tellerchen hinstellt: ‘Fein, alles richtig gemacht.’ ‘Jazz on the river’ ist abends angesagt, für Papa. Es ist dieses Lachen, für das Menschen im Tierkreis Skorpion bekannt sind. – Alle machen sich fein – nur die Australier selbst nicht, sie sind es nicht gewöhnt, sich für Jazzkonzerte aufzustrapsen. Sie latschen in Sandalen und leger bekleidet dorthin. Nun werden sie, die deutschen Besucher, schief angesehen, denn wer sich unpassend aufstrapst, aber das ist eine andere Geschichte.

Eines Tages fahren er und Brigitte  zu zweit Richtung Sidney. Papi hat das Auto ausgeliehen. Doch die Stimmung ist mies. Er meint, Brigitte soll die erste Tankrechnung bezahlen. Er gibt ihr australische Dollar und stellt klar, er will das Geld in Deutschland von ihr wieder haben. Sie findet das kleinlich, sagt ihm, er solle das Geld gleich behalten. Er rastet aus. Er steigt in die Klötzer und bremst scharf am Wegesrand. Er reißt ihr den Schmuck vom Arm, drückt sie auf der Straße zu Boden. Er nimmt ihr Handy weg und behauptet, sie habe den ganzen Tag mit ihren Verehrern telefoniert.

Sie gibt ihm Contra, sagt, er habe Geheimnisse vor ihr, nicht sie vor ihm. Er versucht, ihren PIN einzugeben ins Handy, ist außer sich vor Eifersucht. Sie fängt an zu weinen. Er brüllt: ‘Krokodilstränen helfen jetzt nicht bei mir.’ Drückt sie ganz fest am Arm, drückt sie schließlich erneut zu Boden in den Sand, dort wo die gefährlichen, giftigen Spinnen sein sollen, vor denen er sie immer gewarnt hat. Die Situation fängt sich wieder. Sie setzen die Fahrt fort, Brigitte hat sich sicherheitshalber hinten ins Auto gesetzt. Ein Motel. Sie bittet ihn, dort einzumieten. Er lehnt ab, sagt, er sei ‘als Mann der Bestimmer’. Sie weint wieder. Schließlich wendet er und mietet das Zimmer.

Er schließt sie beim Duschen ein, und schließlich fesselt er sie auch ans Bett. Ihre Sachen nimmt er ihr weg und verbuddelt sie unter seiner Betthälfte. Das Zimmer ist verriegelt und fest abgeschlossen. Er müsse sie beschützen, sagt er. Sie haben das Auto vom Papa. Seine Schwester wartet schon auf das Auto, muss sich sonst einen Flug buchen. Am nächsten Morgen sagt er zu Brigitte, sie soll sich zusammenreißen, gehorchen. Brigitte hat das Szenario des gesamten letzten Abends noch lebhaft vor sich. Während sich das abspielt, stehen sie erneut am Wegesrand einer Straße, unweit von dem Motel, indem sie genächtigt haben,  mitten in der australischen Wüste. Sie weint.

Sie steht am Wegesrand, kurz hinter diesem Motel mitten in der Wüste Australiens. Sie hat ein weißes Röckchen an, ein helles Top, Sandalen und nun ist sie allein. Denn er ist weiter gefahren, hat sie einfach stehen gelassen, mittendrin in der Wüste Australiens. Einfach stehen gelassen. Gefühlte 15.000 km entfernt von zuhause. 500 km entfernt von der Zivilisation. In einem fremden, fernen Land, zu Fuß, allein, mutterseelenallein. Das Handy gesperrt, weil er die PINs nicht richtig eingeben konnte. Der alte Mann an der Motelrezeption kann nicht helfen. Anrufe über dessen Telefon bei ihm und seiner Schwester - immer nur Mailbox. Was tun? Ein Anruf in Deutschland, bei Freunden? Erfolglos.

Schließlich ruft sie bei Ralf an. Ralf  lebt in Bayern, ein guter Freund, und er meldet sich verschlafen mit einem Hallo! Ein Hallo für die Ewigkeit, Kontakt, mitten aus dem australischen Busch. Ralf macht nun ‘first aid’ (Erste Hilfe) und telefoniert mit Jan in Berlin, denn Jan kann bei Brigitte auf den Schreibtisch schauen und dort den ‘PUK’ finden, diese Geheimzahl, die man benötigt, um ein gesperrtes Handy wieder funktionsfähig zu machen. Jan ruft zurück, es klappt. Wunderbar. Jan ist wunderbar. Ralf ist wunderbar. Er ist nicht wunderbar.

Ralf aus Bayern bekommt den Auftrag, ihn in Australien auf seinem Handy anzurufen. Ralf meldet sich später bei Brigitte. Er meint, der ‘ist doch irre’.  Er ‘lässt dich da in Australien am Highway stehen und meint nur, du sollst nach Brisbane kommen, er holt dich da ab.’ Sagt Ralf aus Bayern. Er hat Brigitte schon mehrmals gewarnt vor ihm, sagt er, zu Brigitte.

Brigitte entscheidet nun, ‘Daumen in den Wind’ zu halten und zu trampen. Jason, ein australischer Trucker, hält schließlich an und nimmt Brigitte mit. Sie erklärt ihm die Situation und er meint nur ‘fuck fuck’, das übersetzen wir nicht. Nun weiß auch schnell der australische Buschfunk Bescheid, denn Jason ist Trucker und funkt die Geschichte an seine australischen Straßenkollegen weiter. Alle wissen Bescheid, was er aus Berlin mit Brigitte gemacht hat. Einige funken ihm zu, kein Problem, sie würden ihm die ‘Eier abreißen’. So drücken sie es aus. Tun sie aber nicht. Doch das ist eine andere Geschichte.

Sie essen zusammen, Jason versorgt sie regelrecht, wünscht sich schließlich, wenn sie in Germany zurück sei, solle sie ihm eine Karte schicken. Die anderen Trucker, per CB-Funk unterwegs, erkundigen sich stundenlang nach ihrem Wohlbefinden. Sie lachen zusammen. Mehr als fünf Stunden schon unterwegs. Jason hat Mat und seine Ehefrau Nical angerufen, die unweit von Brisbane wohnen. Mat übernimmt Brigitte per CB-Funk und schließlich auch mit seinem Laster.  Brigitte darf bei Mat und Nical zuhause wohnen. Mat und Nical bringen ihr kleine Geschenke, für ihre, Brigittes, Kinder in Deutschland. Schließlich bezahlen sie noch das Rückticket für Brigitte nach Noosaville in Australien. Und dann klingelt das Telefon von Brigitte und seine Schwester ist dran, sie sei ganz beunruhigt, wo Brigitte jetzt sei? Mat zeigt einen Vogel und sagt, sie ticken wohl alle nicht richtig.

Zu guter Letzt kommt es zur “Rück-Übergabe” der abhanden gekommenen Braut. Er wird von Mat zur Rede gestellt und sagt hinterher, das sei ein ‘shit man’, der lüge, lüge, lüge. Sie verbringen weitere eineinhalb Wochen am River in Australien und seine Schwester meint später nur zu Brigitte: ‘Du bist auch kein Engel’ und ‘Ich liebe meinen Bruder’.

Unglaublich, aber die Geschichte hat sich so tatsächlich zugetragen.

***

mugshooting.de meint dazu: Diese bemerkenswerte Geschichte von zwei Berlinern und einer 500 km langen Irrfahrt der einen durch Australiens Wüste im Rahmen eines Urlaubs fanden wir so interessant, dass wir eine Veröffentlichung auf dieser berlinspezifischen Website allen Bedenken zum Trotz unbedingt gewährleisten wollten. Weitere interessante Reiseberichte aus Australien sind allerdings nicht eingeplant.


2 Antworten to “15.692 km von Berlin entfernt trampt eine Berlinerin 500 km durch die Wüste (Reisebericht)”

Antworten

Security Code:

Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de