In stillem Gedenken an die Witwe von Max Liebermann – Martha Liebermann

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Gästebucheintrag von Thomas Gotthal - Max-Liebermann-Villa

Gästebucheintrag von Thomas Gotthal - Max-Liebermann-Villa

Eine Zehlendorfer Familie, 2 Erwachsene, 4 Kinder, möchte den Kopf etwas frei bekommen. In ihrem Zuhause, einem kleinen Zweifamilienhaus, treibt sich im oberen Geschoß, seit einer Woche ein Stalker herum und zeigt permanente Anwesenheit. Ein lang gehegter Wunsch geht in Erfüllung: Die Eltern schlagen den Kindern vor, einen Ausflug zur Max-Liebermann-Villa in Berlin-Wannsee zu versuchen. Die schönen Künste, ein berauschend schönes Anwesen soll es sein, Schilderungen von vormaligen Besuchern zufolge. Das Anwesen ist pittoresk, großzügig gelegen mit Wasserzugang. Beim Durchschreiten der Außenanlagen straßenseitig ist die Blumenfülle erstaunlich, auch wenn eine Wespe gleich den Sohn sticht. Eine Mitarbeiterin der Villa hat in ihrem privaten Täschchen zufälligerweise einen Insektenstich-Stift. Der hilft. Es folgt eine Innenbesichtigung des Hauses, man kann schauen im Erdgeschoß, man kann weiter gehen ins Obergeschoß. Im Erdgeschoß am Eingang liegt ein Gästebuch aus. Gäste aus aller Welt tragen hier ihre Bemerkungen ein. Thomas Gotthal trägt ein: ‘Dieses Anwesen hat sogar den Nationalsozialismus überstanden, ganz im Gegensatz zu der Witwe von Max Liebermann. In Ihrem Gedenken. Thomas Gotthal.’

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Schmähbrief gegen Max Liebermann - Liebermann-Villa

Schmähbrief gegen Max Liebermann - Liebermann-Villa

Max Liebermann, Maler (deutscher Impressionismus) ist 1935 ‘freiwillig’ und ‘sehenden Auges’ eines natürlichen, altersbedingten Todes gestorben, dass der Tod nun zur rechten Zeit käme, um den nachfolgenden Gräueln dieser Zeit zu entfliehen. Seine Witwe Martha Liebermann hat sich erst 1943 mit Gift das Leben genommen und aktiv selbst umgebracht, unter dem aktuellen Eindruck ihrer baldigen Deportation in ein Konzentrationslager der Nazis. Der Gedanke von Parallelen zwischen Nazis und Stalkern wäre allerdings eine komplette Verniedlichung der Gräueltaten der Nazis. Und doch drängen sich Parallelen zumindest gedanklich auf. Denn Stalking, wie wir es heute verstehen, hat Anleihen beim Nationalsozialismus und auch beim Antisemitismus, wenn auch die demokratische Gesellschaft inzwischen und unter den konkreten Eindrücken der Nazizeit (1933 – 1945) vielfältige Riegel vor die denkbare Diskriminierung von Menschen geschoben hat. Wie wird sich Max Liebermann gefühlt haben, als er einen Brief erhielt, dessen Wortlaut hier lesbar abgebildet ist? Den widerlichen Inhalt dieses Briefes geben wir hier nicht noch einmal wieder. Der Brief ist ein Dokument der Zeitgeschichte und war auch im Zeitpunkt seiner Abfassung rechtswidrig und mit Strafe bedroht. In der Folgezeit ab 1933 und bis zur Niederschlagung der Nationalsozialisten aber war diese Art von “altertümlichem” und dümmlichem Stalking gesellschaftlich-politisch akzeptiert. Darüber wissen wir viel und haben darüber viel gelernt. Wir haben auch Auschwitz besucht, wir haben in Auschwitz geweint und todtraurig unseren Gedanken nachgehangen, wie es möglich gewesen war, derartige Anlagen zu errichten und professionell zu betreiben? Nach 1945 hat die bundesdeutsche Gesellschaft viele Schlüsse aus diesen fatalen Entwicklungen jener Zeit gezogen. U.a. heißt es daher heute im Grundgesetz: “Die Würde des Menschen ist unantastbar.”

Nein, nein, die Mittel von derart vollkommen irren Briefeschreibern und solchen, die heute Nachbarn denunzieren und versuchen, deren Leben negativ zu beeinflussen, mögen höchst ähnlich sein. Aber ein Vergleich beider Taten verbietet sich aus Achtung und in stillem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Allerdings macht der scheinbar “an den Haaren herbeigezogene Vergleich” zumindest deutlich, wie sehr manche Menschen auch heute noch in alten, undemokratischen Denkmustern verharren, die aus  ihrer Kindheit herrühren und die Freiheit anderer Menschen auf indiskutable Weise einschränken. Stalking gegen Juden, Homosexuelle, Kommunisten oder schlicht Andersdenkende war gesellschaftlich erwünscht und in fast jedem Haus gab es einen Blockwart. Heute hat sich das ins Gegenteil verkehrt: Eher gibt es eventuell einen Bloggwart, der eine Art aktive Wächterfunktion wahrnimmt, um es gar nicht erst zu Denunziationen, Schmähungen und dergleichen kommen zu lassen. So gesehen ist der Ausflug in die Liebermann-Villa ein aktiver Akt der Erinnerung an die deutsche Geschichte, der zu sehen ist in einem unauflöslichen Kontext mit dem Protest freiheitsliebender Menschen, sich durch niederträchtige Versuche von Unterdrückung gegen deren Verursacher aufzulehnen.

Es weht ein ganz, ganz laues Lüftchen auf dem Grundstück der Liebermann-Villa, die Sonne scheint und die Menschen sind guter Dinge,  es sei richtig gewesen, diesen Ausflug in ein kleines Paradies zu machen, um andere, frische Gedanken zu schöpfen und die vergangenen Tage hinter sich zu lassen. Berlinern und Berlin-Besuchern sei der Besuch des Anwesens ans Herz gelegt, als ein Ausflug in eine Vorstellung davon, wie man sich undemokratischer Tendenzen wirkungsvoll erwehren könnte. Und dies in stillem Gedenken an Martha Liebermann – so ist der Eintrag in das Gästebuch des Hauses zu verstehen gewesen.

Ein sehr erfolgreicher, iranischer Arzt, bei dem wir abends auf ein Glas Wein eingeladen sind, beruhigt unsere gedankliche Zerrüttung mit einem tröstenden Vergleich. Er sagt, dass diese Menschen, die andere verfolgen, belästigen und ihnen nachstellen, ein Zuviel an Material (Vermögen) oder an Freizeit (gesellschaftliche Stellung) haben, und dass diese nicht wissen, wie es einer Familie ergeht, deren vierjähriges Kind eine Leukämie-Diagnose bekäme. Er hat diese “tägliche Berufspraxis” und kann von wirklichen Erschütterungen des Lebens berichten, und er meint, manche Menschen seien unfähig, sich zu schämen. Spontan denken wir an die Aufgabe einer Mutter, einen schwerstbehinderten Jungen lebenslang zu betreuen, für ihn aufzukommen und sich um ihn zu kümmern. Wir denken an die Nachstellungen aus “niederen Beweggründen” desselben Täterkreises bei dieser Mutter und ihrer Patchwork-Familie . Die Patchwork-Familie hat sich erst vor kurzem durch Hochzeit ergeben, und in ihren (neuen) vielversprechenden Zusammenhalt von zwei vormaligen Familien, die zu einer neuen verschweißt sind, findet sich auch der tragische, vollkommen unerwartete Tod der Kindesmutter von zwei 1 und 3 Jahre alten Kleinkindern. Die neuen Bande sind daher ein Ausdruck optimaler Daseinsfürsorge, und wenn man das Glück im Unglück nennen würde, dann würde in einem solchen Kontext ein Stalker, der diese dringend notwendige Familienkonstruktion stalkt, ein Neidhammel, ein Versager und ein ärmlicher Mensch sein? Leukämie, Schwerstbehinderung, Tod und Stalking? Fest steht: Ein Stalker hat gar kein vergleichbares Problem, welches man zu recht in einer derartigen Gedankenkette aufdröselt. Stalker sind erbärmliche Egoisten.

Gar kein schlechter Gedanke, finden wir, und entlassen einen wunderschönen Tag in die Nachbetrachtung.

Max-Liebermann-Villa, vom Garten aus

Max-Liebermann-Villa, vom Garten aus


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