Walter R. (bald 89) hat schon immer hier gelebt – Kurzporträt eines Neuköllners

thomas

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Walter R. (88 Jahre), Neukölln

Walter R. (88 Jahre), Neukölln

(Du musst jeweils auf die Bilder klicken, um sie in groß anzusehen.)

Walter R. (88) sitzt am 07.09.2009 in sehr guter Form und mit aktivem Gestus vor uns auf einem Stuhl. Wir sind sehr bei der Sache. Die Sonne scheint schon etwas herbstlich. Wir sitzen in der Elsenstr., Berlin-Neukölln, auf einem Laubengang im Hochparterre bei unseren griechischen Gastgebern. Es gibt einen Kaffee griechischer Art, das ist der mit Bodensatz drin, den man besser nicht mittrinkt. Das gibt so sandige Zähne, aber wenn man sich vorsieht, ist ein griechischer Kaffee etwas Leckeres.

1920 wurde Walter R. hier geboren, in dieser Wohnanlage, ach nein, in einem Altbau, der nur noch einzeln hinten im Hof steht, während zur Straße hin ein Neubau 1960 errichtet wurde und im Hof ein zweites Gartenhaus als Neubau. Eben die für diese Zeit so typischen Laubengänge, und manche der Bewohner machen es sich auch gern mal ein bisschen bequem dort, auf dem Laubengang. Die Zeit hat die Gegend sehr geschliffen. Nur Walter R. nicht, der ist fidel, agil, omnipräsent, bei ganz, ganz klarem Bewusstsein. Er hat sein Herz auf dem rechten Fleck und war lange Jahre Taxifahrer (seit 1959). Heute ist er Rentner.

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Harzer Str./Ecke Elsenstr. - ca. 1913

Harzer Str./Ecke Elsenstr. - ca. 1913

Vermieter Kutzner, Brief von 1918

Vermieter Kutzner, Brief von 1918

Der Altbau, der noch steht und in dem Walter R. geboren wurde, ist 1918 bezugsfertig geworden. Ein Kuriosum war die ganze Bebauung auf dem Grundstück. Das Haus gehörte einem Sanitär- und Heizungsinstallateur. Der verwirklichte, damals (!), bereits das Recht, aus einer zentralen Brauchwassererwärmung abschöpfen zu dürfen, um “zu baden”. Ein unglaublicher Luxus in dieser Zeit. Mietvertraglich war die Geschichte genau geregelt. Niemand durfte Anspruch auf kontinuierliche Warmwasserversorgung geltend machen, zu neu war noch die innovative Haustechnik. In einem Schreiben vom 10. Juni 1918 klärt Vermieter August Kutzner seine Mieter auf: “Das warme Wasser wird jedoch nur an drei bis vier Tagen in der Woche geliefert.” Welche Tage genau, ist dem Schreiben nicht zu entnehmen. Existierte schon 1918 eine gute Hausgemeinschaft? Wie wurde derartiges kommuniziert? Heute Waschtag, alle baden! Ooops, eventuell doch nicht alle, denn das gibt Kapazitätsprobleme. Bemerkenswert: Früher war es legal, einem Mieter das Mietverhältnis zu kündigen, wenn dieser sich nicht mit der Mieterhöhung einverstanden erklärte (siehe Brief von 1918). Die Jahre von 1920 bis 1942 verbringt Walter R. in Berlin.

Das Haus war eins von zwei Häusern dieses Hauseigentümers, und es ist ein weiteres Kuriosum, dass es von den Bauplänen her ein weiteres (baugleiches) Haus gab, immer noch gibt, dass auch heute noch existiert. In der Berlin-Wilmersdorfer Uhlandstraße steht es und es beherbergt die “Besenwirtschaft”. Beide Häuser waren baugleich. Zurück nach Neukölln. Walter R. geht 1942 als Soldat in den Krieg, verlebt mehrere Jahre als Kriegsgefangener in Rumänien und Stalingrad, bevor er 1947 nach Berlin-Neukölln zurückkehrt. Das Haus ist ausgebombt.

Die aktuelle Hausverwalterin hat die Geschichte des Hauses recherchiert in alten Akten. Der Krieg zog grobe Schneisen in den traditionellen Arbeiterbezirk Neukölln. Mehrere Gebäude auf dem Grundstück wurden nach massiven Kriegsschäden abgerissen. 1949 errichtet Erna Kunze aus dem Elbingroder Weg auf dem Grundstück eine Erfrischungshalle. Rudolf Lewandowski aus der Heidelberger Str. in Neukölln errichtet ferner einen Lagerplatz für seinen Kohlenhandel und ein kleines Bürogebäude.  Erst 1960 wird zunächst das “Entwässerunsgesuch” des Neubaus genehmigt und dann -mit den Mitteln des öffentlich geförderten sozialen Wohnungsbaus, Aufbauprogramm 1959- an zwei Stellen (zur Straße hin und im Garten nach hinten gelegen links) jeweils ein “quadratisch, praktisch, guter” Neubau hingestellt. Zur Hofseite hin liegen die Neubauwohnungen jeweils an einem Laubengang und gehen von da ab. Es sind eher kleine Wohnungen, es gibt keine Beletage und keine “Vier-Raum-Wohnungen”. Der stehen gebliebene Gartenhaus-Stempel (Altbau) zeigt nach vorn zur Straße hin einen “gefühlt zu dünnen Giebel”.

Einschulung Rütlischule & Hofblick Altbebauung

Einschulung Rütlischule & Hofblick Altbebauung

Bestrafungsverfügung von 1940 - Verdunkelungsverordnung

Strafverfügung von 1940

Schon in der Weimarer Republik war Walter R. Sozialdemokrat, denn in Neukölln, so sagt er, war man “rot”. Und manche sind es noch heute. Es gab viele Unruhen in den wilden Zwanzigern, aber da war  Walter R. noch zu klein. Die Rütli-Schule kennt inzwischen jeder Berliner, oder ist die Berühmtheit auch schon nach Rest-Deutschland übergeschwappt? Damals war diese Schule jedenfalls besser als ihr heutiger Ruf. Als er grösser wurde, war es dann unschicklich, “rot” zu sein, und vielfach war es sogar äußerst problematisch. Am 20. August 1940 wird mit einer Strafverfügung angeklagt, dass Walter R. gegen die Verdunkelungsverordnung verstoßen habe. “Ein heller Lichtschein” aus der Fahrradlampe war weithin sichtbar. Die Strafe wurde am 13. September 1940 von ihm mit 10 RM 50 Pfennig gezahlt. Heute würde die Bestrafung wohl eher für den umgekehrten Vorgang, Fahren ohne Licht, erfolgen.

Harzer Ecke, Harzer, Ecke Elsenstr., Neukölln

Harzer Ecke, Harzer, Ecke Elsenstr., Neukölln

Man traf sich im Harzer Eck, Harzer/Ecke Elsenstr. auf ein Bier. Bis 1944 eine Luftmine die links liegenden Altbauwohnungen stark beschädigte. Und dann die anderen, weiteren Bomben, die Teile des Wohngrundstücks verwüsteten.

In den 80iger Jahren des vorherigen Jahrhunderts wandelte man die Wohnungen dieses Grundstücks in Wohnungseigentum um. Es kam nun eine Zeit der Erwerber, Veräußerungen, und eines vielfachen Wechsels der beauftragten Hausverwaltungen. Und heute sitzt Walter R. mit seinen fast 89 Jahren da auf dem Laubengang, bei seinen griechischen Nachbarn, und sie halten ein Pläuschchen. Er hat ein paar Fotos dabei. Auf einem ist er mit Bezirksbürgermeister Buschkowsky (SPD) zu sehen, von dem der berühmte Spruch zitiert werden kann: ‘Jesus sprach zu seine Jüngers, wer keine Gabel hat, isst mit die Fingers.’- Das Gespräch bekommt eine nachdenkliche Komponente: Er sagt, sein Eigentümer, der ja nur diese Wohnung hier besitzt, der sei auch schon alt. Und er denke zunehmend darüber nach, was nun passiert, wenn der seine Wohnung verkauft? “Muss ich dann raus wegen Eigenbedarfs? Ich hab genau überlegt, ich glaube, das überlebe ich nicht, nach all den Jahren.” – Wir überlegen einen Moment, sind berührt von dieser Vorstellung. Eine ähnliche Geschichte, so antworten wir abwägend und irgendwie auch beruhigend, geisterte unlängst durch die bundesdeutschen Medien. Eine 105 Jahre alte Mieterin erhält eine Kündigung wegen Eigenbedarf. Die 40 Jahre alten Erwerber der Eigentumswohnung verlangen die Räumung binnen drei Monaten. Nachdem sich die Presse einschaltet, nimmt der (neue) Vermieter von dieser Vorstellung schnell Abstand. Die Presse hakt nochmals nach. Selbstverständlich könne  die alte Dame weiterhin dort leben, beeilt sich der Vermieter zu versprechen, aber das ist ja biologisch absehbar, dass sich dieses Mietverhältnis beendigen wird, und was den Sohn angeht, der seine Mutter noch pflegt (ist der nicht auch schon achtzig?), der müsse dann aber ganz gewiss raus. Harte Zeiten, nach einem lebenslangen Leben. Einen alten Baum verpflanzt man nicht, sagt irgendein Sprichwort. Darüber nochmal nachdenken. Wir fassen zusammen: so sehr wohl derartige Kündigungen technisch machbar sind, so wenig können wir uns derartiges wirklich vorstellen. Angesichts einer solchen Vita?

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Das Methusalem Kompott (Quelle: gesichtspunkte.de)

Das Methusalem Kompott (Quelle: gesichtspunkte.de)

Weiterführende Links

gesichtspunkte.de – Das Methusalem Kompott

gotthal.de – Kampagne “Methusalem Kompott”

gesichtspunkte.de – Fundstellen zum “Methusalem Kompott”


9 Antworten to “Walter R. (bald 89) hat schon immer hier gelebt – Kurzporträt eines Neuköllners”

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