Der Kegel: Wenn welche auf dem Campusboard slacklinen, ist bouldern angesagt
Auf dem Grundstück Revaler Str. 99 in Berlin-Friedrichshain ist (u.a.) Der Kegel (Foto 1) aufgebaut. Es handelt sich um ein 18,70 m hohes Bauwerk, dass Kletterern die Möglichkeit gibt, in den Schwierigkeitsgraden 3+ bis 10 zu klettern. Eine Fähigkeit, die man in Berlin nicht überall zwangsläufig braucht. Es sei denn, man ist Industriekletterer. Ansonsten suchen diese Ort überwiegend Emporkömmlinge auf, das sind Menschen, die nicht runtergefallen sind durch ein Rost, welche, die nach oben möchten. Am besten ganz nach oben.
Das Grundstück ist das alte RAW-Gelände, wobei RAW nicht für ein besonders rohes Datenformat für Digitalkameras steht, sondern für Reichsbahnausbesserungswerk. In Spitzenzeiten (lt. Vereinschronik war das 1945 – Zeitstrahl 1867 bis 1994) waren bis zu 1.380 Arbeiter auf diesem Gelände tätig. Da war -aber- richtig was los. Seit dem 01. April 1920 erst trägt das Gelände diesen offiziellen Namen, und schließlich wird es 1994 als ‘RAW Franz Stenzer” stillgelegt.
Das gesamte Gelände untersteht dem Verein RAW-Tempel e.V.. Die Gegend um die Revaler Str. ist städtebaulich und sozial nicht ganz unkompliziert. Wer den Samstag zu einem Streifzug durch den Stadtteil, die nähere Umgebung dort und dann (erst) durchs Gelände nutzt, sieht zunächst erst einmal viel Polizei, die umherstreift auf der Suche nach Berbern Menschen, die auf Bürgersteigen sitzen und schon frühmorgens Wodka und Orangensaft trinken. Diese Menschen trotzen der Begriffsklärung dahingehend, dass Bürgersteige als Teil der Verkehrsfläche einer Straße dazu da sind, dem Fußverkehr zu dienen. Denn sie verharren dort und manche von ihnen leben sogar dort. Obwohl sie längst nicht mehr mit den Maßstäben der Bürgerlichkeit gemessen werden dürfen. Nicht als Mixgetränk Wodka-Orange, sondern der Einfachheit halber jeweils separat aus Aldi- und Lidl-Verpackungen schlürfen sie sich dem nächsten Rausch sehnsüchtig entgegen. Nicht wenige sind schon morgens schon gut gelaunt, oder sind sie es doch nicht, sondern nur betrunken? Die Polizei redet behutsam mit Berbern Menschen, denen die härteste Jahreszeit noch unmittelbar bevorsteht. Die Polizisten wissen auch, dass sie mit ihrem Dienst gar nichts ändern können an den realenVerhältnissen dieser Menschen. Im Winter werden sie sich zurückziehen und dann ist dieses Problem ein weniger öffentliches, wohin, bleibt ungewiss.
***
Im United Kingdom gibt es immer noch die ‘fine young cannibals‘, so müssen wir einen Begriffsbestimmung positiv umschreiben, die früher negativ besetzt war. Auf dem ehemaligen RAW-Gelände haben sich ‘young urban professionals‘ breitgemacht. Weil jetzt diejenigen gleich schimpfen werden: im Gegensatz zum einstmals als Juppie verschrienen Karrieristen setzt sich diese nicht aus wirtschaftlichen Erwägungen tätige Truppe für soziale Belange, für Urbanität im Kiez und für eine bessere Welt ein, in insgesamt umzäunten, eingefriedeten Arealen, hier in einem Reichsbahnausbesserungswerk. Und das tun sie professionell und mit Erfolg. Ob sie dabei auch wirtschaftlich so stark sind, dass man sie dort nicht vertreiben kann, müssen sie unter Beweis stellen. Noch einmal: für uns ist der Begriff young urban professional (kurz: Juppie) kein negativ besetzter, sondern ein Aphorismus für eine Zielgruppe junger, engagierter Menschen, die gesellschaftliche Strukturen in Fragen stellen und sich politisch betätigen, um die Welt ein Stück zu verbessern. Sie kämpfen im urban jungle des sozialen Brennpunkts Friedrichshain um attraktive Angebote, die übrigens daher eine Vielzahl von Jugendlichen und youngstern tagtäglich anziehen.
Es macht uns den Eindruck, als wäre das gesamte Gelände eine hinterlassene Industriebrache, die mit schweren baulichen Mängeln zu kämpfen hat. Es geht auch um die Zukunft dieses Kleinods am Eisenbahngelände. Es ist von Rechtstreitigkeiten die Rede. Die Eigentümer wechseln häufiger, Investoren haben große Dinge vor, man spricht von geduldeter Nutzung bis 2012? Wie lange genau, ist kaum sicher zu erahnen. Die Angaben widersprechen sich. Mal ist der Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain auf dem Grundstück und fordert Mängelbeseitigung, mal ist von zunächst zur Kooperation bereiten Grundstücksinvestoren die Rede. Wie es konkret mit der Nutzung dieses Geländes weiter geht, ist eine Sache von Terminen, die beim Landgericht zunächst angesetzt, aber dann verschoben werden. Eine Räumungsklage sei nicht zurückgenommen worden, vermelden die Vereinsverantwortlichen.
Man kann am Kegel Tageskarten buchen zum Klettern & Bouldern. Was aber ist ‘bouldern‘? Okay, wieder was dazugelernt. Wer die Spitze des Kegels erklommen hat (mit drei verschiedenen Varianten des Kletterns), kann sich in ein Gipfelbuch eintragen, und so haben auch Berliner die Möglichkeit, alpinen Gelüsten zu frönen. Man trägt sich dort übrigens in sächsischer Tradition ein: seinen Namen, die gekletterte Route (ich dachte, das ist nur eine?) und das jeweilige Datum hat man zu hinterlassen. Und es stehen eine ‘slackline, Campusboard und weitere Geräte besonderer Art ebenfalls zur Verfügung.’
Das Gelände beherbergt aber nicht nur ein Campusboard, wo man slacklined oder bouldert (siehe Überschrift), es befindet sich eine Vielzahl weiterer Projekte auf dem Grundstück. Hervorhebenswert ist auch das Angebot der Skaterhalle Berlin.
***
Weiterführende Links
Cassiopeia – weiteres Angebot dort
***



November 25th, 2009 um 15:58
[...] Inzwischen ist bekannt, dass bei Wikipedia ein Qualitätssicherungskrieg tobt, in dem Wikipedianer höheren Rangs solchen niedrigeren Rangs die Artikel kategorisch zusammenstreichen, mit Hinweis auf vermeintliche Qualitätsmängel. Dies alles lässt aber nicht darauf schliessen, dass hiervon auch der allgemeine Sprachgebrauch der ehemaligen Besetzer des Hauses Brunnenstr. 183 betroffen ist, die -ganz verallgemeinernd- den Vergnügungspark für Yuppies im Kiez um den Rosenthaler Platz ausgemacht haben. Wenn auch die Systemkritik, die hier aus einer schwächeren, gesellschaftlichen Position heraus verständlich vorgebracht wird, nur für den Kiez um den Rosenthaler Platz in Berlin-Mitte gelten soll, so lässt sich aber längst mit Fug und Recht berechtigte Sorge äussern. Immer mehr stellt sich die Frage, wohin denn nun mit den Yuppies. Überall werden sie gesellschaftlich geächtet, ausgegrenzt, gebrandmarkt und ihre (eventuellen) Wagen werden angezündet. Die Frage ist, ob man mit gesellschaftlicher Ausgrenzung und sprachlicher Abgrenzung wie dieser neue gesamtgesellschaftliche Freiheit, Toleranz und ein aufeinander zugehen bewerkstelligt? Der Begriff Yuppie scheint uns tatsächlich eher in die Jahre gekommen, er ist sprachlich abgenutzt, abgedroschen und inzwischen darf man ihn auch anders auslegen. Wir hatten dies bspw. in der Berichterstattung hier schon gesehen. [...]
Mai 30th, 2011 um 19:15
[...] Kein Problem: So lange sie mir nicht auf dem Campusboard slacklinen, verspreche ich hiermit nicht zu bouldern…. (Auszüge aus [...]
Juni 7th, 2011 um 08:17
[...] DerKegel: Wenn welche auf dem Campusboard slacklinen, ist bouldern angesagt! [...]