In Berlin wurden die Götter zeitweise ausgetauscht, aber einer darf noch dort residieren: Karl Marx
“Ich erinnere mich immer noch an diese Wärme und Herzlichkeit” (Wladimir Putin, russischer Ministerpräsident, Pressemeldung vom 08.11.2009, über seine Zeit in der DDR von 1985 bis 1990) – hier
Ja, die Zeiten haben sich geändert. Nichtsdestotrotz weht ein geschichtlich bedeutsamer Hauch der Historien um die windige Häuserecke am Hause (vormals Stalinallee) Karl-Marx-Allee/Ecke Straße der Pariser Kommune. Das kleine, unbedeutende Fleischimperium BLOCK HOUSE hat zwei Werbeschilder im 90-Grad-Winkel an die verflieste Häuserfassade anschrauben lassen. Man bekommt dort Steaks in verschiedenen Größen. Darunter ist das rote Sparkassen S mit Punkt drüber angeschraubt. Beides als Leuchtreklamen, auch nachts in Betrieb. Ansonsten ist hier die gelebte Geschichte sehr gut durchrestauriert. Es sind ehemalige Arbeitertempel im Zuckerbäckerstil, die nach der Wende inzwischen größtenteils durchsaniert wurden. Es war schwierig, die Fassadenfliesen, die hier verwendet wurden, wieder nach zu beschaffen. Denn die DDR war bankrott.
Gebaut wurden die Häuser in den 1950-er Jahren (1952-1956), während Stalin bekanntlich 1953 verstarb. Seit dem 13. November 1961 heißt die Straße hier Karl-Marx-Allee. Davor gab es -nur für einige Zeit- einen bärtigen Georgier, der als Gott aller Kommunisten galt und namensgebend Einfluss nahm. Josef Stalin bekam den Straßennamen gewidmet zu seinem siebzigsten Geburtstag am 21. Dezember 1949. Weil er schon kurze Zeit nach seinem Tode (zu recht) in Ungnade fiel, benötigten gleichwohl die moskautreuen Nachkriegssozialisten noch mehr als sieben Jahre nach dessen Tod, um den Erfinder des Wissenschaftlichen Sozialismus Karl Marx an Stelle Stalins zum Namenspatron zu erwählen. Inzwischen hatte sich eingebürgert, der verwendeten Fassadenfliesen wegen von ‘Stalins Badezimmer’ zu sprechen. Gut zu wissen: Als Berolinismus wird ein nur in der Berliner Umgangssprache üblicher Begriff bezeichnet, wir kennen noch die Schwangere Auster, den langen Lulatsch und die Goldelse als vergleichbare Berliner Unikate.
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Eins hat sich nicht geändert: Heute gilt es nach wie vor als schick, dort zu wohnen. Eventuell auch zu recht. Die Architektur ist um ein vielfaches besser, die gesamte Magistrale (hin zur Verlängerung als Frankfurter Allee) betreffend, als die dort ebenfalls anzutreffenden, hässlichen Plattenbauten. In die gesamte Gegend hat man nach der Wende erhebliche bis exorbitant zu benennende Modernisierungsmittel gesteckt. Die Mühe hat sich gelohnt.
Nein, wir werden niemals denken, wir seien in Moskau, in St. Petersburg oder in Irkutsk oder anderswo auch poststalinistischem Gelände in den untergegangenen Sowjet-Republiken. Berlin bleibt immer Berlin und wird nicht dadurch verwechselbar, dass die Sozialisten der Fünfziger Jahre der sowjetischen Herrlichkeit der Arbeiterklasse nachhangen. Es macht auch nichts aus, dass diese Idee herrlich und vorbildlich war, es gibt genügend Anhaltspunkte dafür, dass es um den Rest eines dortigen Lebens nicht ähnlich hervorragend bestellt war. So haben sich die Städteplaner immer ganze Vorzeigeprojekte einverleibt, und darin ist nichts anderes im Übrigen, als an den äußerst hässlichen Sechziger-Jahre-Bausünden der Berliner Sozialdemokratie. Die Karl Marxens Allee ist eine dufte, auch heute noch zeitgemäß schicke Hauptverkehrsader mit Vorbildcharakter. Das kann man weder von Berlin-Marzahns Plattenbausiedlungen, noch vom ‘Merkwürdigen Viertel‘, geschweige denn von der Gropiusstadt ernstlich behaupten. Hätte sich Walter Gropius im Grab umgedreht?
Inzwischen hat sich sogar die Ständevertretung aller Berliner Architekten auf der an dieser Stelle noch zu Friedrichshain gehörenden Karl-Marx-Allee angesiedelt. Die Architektenkammer Berlin, eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, hat sich unter den noch erhaltenem Schriftzug der ‘Karl-Marx-Buchhandlung’ (aus DDR-Zeiten) hier eingemietet und fühlt sich offenbar wohl. Der Gott aller Sozialisten zu dieser Zeit, Josef Stalin, ist verflogen. Seine Erbsünden werden eher negativ beurteilt. Eine Ausnahme dürfte die baulichen Errungenschaft post mortem an dieser Stelle sein.
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November 9th, 2009 um 12:36
[...] wie gescheitert. Er findet es eigentlich auch in der ‘Plötze’ nicht schlecht, berolinismusmässig ausgedrückt. Eine Liste häufig gestellter Fragen ist hier [...]
März 21st, 2010 um 15:33
[...] “a like´es” Video, aufgenommen wohl auf der Frankfurter Allee mit Fernsehturm und Stalinallee-Reminiszenz, , allerdings durchaus schon renoviert, das hat schon was. Mal ganz abgesehen von der duften Musik. [...]