155/10: Foto.Podcast: Niemand würde seinen Jazzerstling “Fehrbelliner Platz” nennen oder Parkcafé!

“Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten!” (Walter Ulbricht)
Das Parkcafé in Berlin-Wilmersdorf, direkt am Fehrbelliner Platz gelegen, das wäre kein Laden, wo ich hingehen würde, um mich zu vergnügen. Niemand hat die Absicht, auf einem Parkplatz Vergnügung zu suchen oder in der städtebaulichen Einöde. Immobilienmakler sagen gern folgenden Spruch: “Drei Dinge musst du bei einer Immobilie beachten: “Die Lage, die Lage und die Lage!”
Dieser Laden, das ist eher so eine Art Mehrzweckhalle für alle möglichen Vorhaben, besonders für solche, die einen nützlichen Zweck erfüllen. Dabei muss man sich nicht so wohl fühlen, als sei man zum reinen Vergnügen unterwegs. Wenn ich auch die Architektur und das Interieur ganz gut gelungen finde, so ist doch das Publikum (nicht das Ambiente, oder folgt Ambiente aus Publikum?) eher geschäftlich, distinguiert, unpersönlich und was etliche Männer angeht, mit pomadegeschmiertem Deckhaar, wenn´s auch schon schütter geworden ist. Es dominiert das iPhone und ich bedauere hier (nur hier), selbst eins zu besitzen. Denn es ist zwar einerseits das beste Handy der Welt, derzeit, oder irre ich da? Andererseits lauern in meinem Kopf immer wieder so Schlagworte wie Generation Golf, Generation Pop, Generation DSDS oder jetzt eben Generation iPhone.

Das iPhone steht daher, weil es so gut ist, inzwischen auch wieder im Stallgeruch, es sei sozusagen zwingende Mindestausstattung gern erfolgreich seiender Juppies (oder wie heißen die heute?), die sich die Haare zurückgelen, um noch langweiliger, einförmiger und unpersönlicher auszusehen. Ich bin jedenfalls viel zu faul, um jetzt noch eine Wortrecherche zu starten, nur um zu beweisen, dass es einen Ausstattungszwang für ewig jung bleiben wollende Mittvierziger gibt, der ihnen ein iPhone vorschreibt, damit sie noch merken, dass sie leben. Dazu kommt die Designerbrille mit viel zu großem Brillenrahmen bzw. -gestell, wie von diesem unangenehm schwitzenden Knaben, der bei der Berliner Discosensation Disco Inferno immer vorn am Bühnenrand steht, körperlich gut fit ist, aber definitiv zu viel transpiriert. Was nicht so schlimm wäre, wenn er sich artiger in die Reihen der tanzenden Fans einreihte, anstatt vermittels ausgiebigst zur “Show” gestellter Tanz- bzw. (besser) Ausfallschritte beweisen zu wollen, wie gut drauf er heute ist, indem er die Hände irgendwohin wirft, egal ob die Umstehenden fast erschlägt. Ein anderer ist ebenfalls Mittvierziger oder Endvierziger, in diesem Alter sehen die Menschen schnell noch älter aus, man kann sich täuschen. Er zeigt die lächerlichen, mal gelernten Tanzschritte, indem er sich schubsend und glucksend vor Glück Bahnen erzwingt, seine Angebetete becircend, ein paar schauen schon echt sauer. Das sind diese Selbstverwirklichungs-Philantropen-Idioten. Szenenschnitt: das war an einem anderen, sehr schönen Ort, dem Quasimodo, doch nun sehen wir hier solche Typen. Grrrr….
Zurück zum Thema: Wer hat nur all diese Menschen zu ihrem ganz persönlichen Nachteil beraten? Egal: Das Parkcafé ist für mich eher ein Zwischenstopp im geschäftlich notwendigen Miteinander, eine Art Aufwärmhalle zum schnell mal einen Kaffee trinken mit Geschäftsfreunden. Noch nie habe ich dort einen Menschen gesehen, mit dem ich auch privat “um die Häuser” ziehen würde, oder anders gesagt: Allenfalls habe ich mir mal “echte Menschen” mitgebracht und wir sind da hin gegangen, weil sonst “da nüscht” ist. Ja, wir waren “umme Ecke” unterwegs, beschäftigt, beim Jalousien-Udo, der das Geschäft bald schließen wird, aber das tut hier nichts zu Sache. Oder “aufm Amt”. Und deswegen fühlt man sich schimmelig. Um den Amtsschimmel auszudiffundieren: dafür reicht das Parkcafé aus. Ansonsten wurden dort, auf der Kreuzung direkt gegenüber, 1944 eine Menge deutsche Widerständler im Innenhof des heutigen Rathaus Wilmersdorf erschossen und die oberste Heeresleitung der Deutschen Wehrmacht war hier beheimatet. Alles andere führt viel zu weit weg vom Hier & Jetzt, vom Parkcafé in Berlin-Wilmersdorf, das in einer trostlosen, städtebaulich toten, aber verkehrsgünstig gelegenen Gegend herumsteht, wie als wäre das Gebäude direkt am Parkplatz gebaut. Stop & go, das ist die Assoziation. Mehr nicht.
Und schade, als “gewillkürter Eventplaner” mit dem Mut zum Willen und einem “willing of success” (festen Willen zum Erfolg) hätte ich mich fast auf die Website des Cafés verirrt und wurde zum Stichwort “Events” auch fündig: allerdings nenne ich das nicht Events, was dort unter Events verbucht ist. Wie kann man nur so einfallslos sein? Will ich meine tote Gegend oder einen “Club der Toten Dichter” zum Leben erwecken, dann muss “Musike” in die Bude. Warum kommt eigentlich niemand auf die Idee, in dem Laden gutgespielten Jazz unterzubringen, nachdenken, Jungs! Events, das ist was anderes.

Es war Miles Davis, der “Birth of the Cool” als Platte (1957) veröffentlichte, und nun, und das hat ihm zu Lebzeiten niemand gesagt, äffen alle Coolness nach oder was sie dafür halten. Hätte er’s gewusst, er hätte die Platte anders genannt. “Parkcafé” vielleicht? Auch kein schlechter Titel für guten Jazz. Jetzt ist es zu spät dafür: Parkcafé nennen sich weltweit fast überall die Gastronomen “am Park”, aha (Nachweis: hier). Der Titel ist jetzt zu abgegriffen und die Platte geriete zum sicheren Ladenhüter. Niemand -weder in Berlin noch anderswo- nennt seinen coolen Jazz-Erstling “Fehrbelliner Platz”, oder?
Budo – Birth of the Cool – Miles Davis (via Youtube)
In diesem Jahr muss sich “der strengste Gastrokritiker aller Zeiten” (Selbstzeugnis!) allerdings wirklich mal in den naheliegenden Preußenpark aufmachen, vielleicht ist das ja der entscheidende Grund dafür, warum man sich nur in die Nähe dieses Parkcafés wagen kann, um ”auf und davon” zu ziehen? Die thailändischen Straßenküchen dort sollen gut munden, und wenn auch noch Wetter da ist, kann man dann auf den Besuch der Lokation verzichten? Ach, jetzt wird’s am Ende doch ein bisschen ungerecht und eine “confrontation frontal”, und alles nur, weil die bestellte Leber mit Kartoffelpüree auf Nachfrage nicht mit Salzkartoffeln kam (“Da muss ich erst in der Küche fragen.” – Ober), sondern mit Bratkartoffeln (“Ich habe nachgefragt: Das haben wir, wollen sie das?” – Ober). Okay, will ich eben das!
Eigentlich will ich nicht ungerecht sein und den Laden insgesamt miesmachen. Ich habe zum Ausdruck bringen wollen, dass ich mich persönlich dort irgendwie nicht wohlfühle und warum? Aber richtig ist auch, das muss ich zugeben: Das war nun mal nicht die beste Leber, die du in Berlin essen kannst. Einen ernsthaften Anwärter auf diesen “Putlitzer Preis der Leber verarbeitenden Spitzengastronomie” in Berlin stellt immer noch das Corso Italia in Berlin-Zehlendorf dar, von einem einmaligen Ausrutscher (Leber mit Sehnen: das geht gar nicht!) abgesehen. Im Parkcafé war die Leber nicht sehnig. Allerdings hatte sie eine Mehlkruste (jaja, das kann, muss aber nicht so sein), nannte sich demzufolge “Berliner Art”, und war allerdings nett angerichtet.

Zu Recherchezwecken hat der strengste Gastrokritiker aller Zeiten die Website qype.com aufgesucht. Die fast durchgängige Lobhudelei auf das Parkcafé verstehen wir nicht. In jeder besseren Gastronomie fällt das Urteil erst besser aus, wenn nicht nur die Einrichtung sauber geputzt, von den Klos her benutzbar und vom Angebot her mannigfaltig ist. Dies alles erfüllt der Laden. Was man sich aber kaum vorstellen kann: gute persönliche Beziehungen zu diesem Laden, seinem Personal oder den Gästen aufzubauen, in dem es wimmelt wie in einer Bahnhofshalle, allerdings mit goldenem Buddha (ein Pluspunkt, ohne Frage). Ist mein Besuch dort lediglich eine Verlegenheitslösung gewesen, aus Mangel an Alternativen? Und erging es anderen Gästen ebenso? Der strengste Gastrokritiker aller Zeiten denkt über den Tag nach und er schwört sich insgeheim ein auf seine künftige, tragende Rolle beim Bewerten, Abwägen und “auf den Punkt” bringen, was Gastronomie gut und was sie schlecht macht. In Gedanken dabei ein kleines Liedchen pfeifend: “Eines Tages, da werd ich mich rächen: ich werd die Herzen aller Gäste brechen, dann bin ich ein Star, der in der Zeitung steht, und dann willst du mich haben, doch dann ist es zu spät.” (Die Ärzte, “Zu spät”, abgewandelt)

- Parkcafé Wilmersdorf (Website)
- Anderer Menschen Meinungen (auf qype)


März 21st, 2010 um 23:34
Pech gehabt!
Im Sommer dagegen ist das Parkcafe mit seinem Biergarten unschlagbar gut. Zentral gelegen, schattig und so groß, daß man immer einen Platz findet. Sonst eher selten in der Wilmersdorfer Citylage zu finden.
Also, sehen wir uns im Sommer dort?
März 21st, 2010 um 23:43
@larued:
Wenn ich dann keine Leber essen muss…
März 24th, 2010 um 11:10
[...] schreiben), mit dem Zusatz “Der strengste Gastrokritiker aller Zeiten” (Ursprung hier). Der wird -natürlich- daran gemessen! Und jetzt -hier!- Geheimnisverrat pur: Als ich mein [...]