156/10: In eigener Sache: Leserbriefe-Echo “Der strengste Gastrokritiker aller Zeiten” – Reflexionen

Aus einem Leserbrief (nachbearbeitet):
“Hallo, wir waren vor kurzem im Restaurant Xxxxxx Xxxxxxxstr.Xx,1xxxx Berlin, uns ist die Kinnlade runtergefallen! Das ist wirklich die schlechteste Gastronomie, sollten Sie mal testen. Viele Grüße, Herr Leserbrief” (Text nachbearbeitet)
Eventuell ist unsere Antwort für die Leserschaft von Interesse, sodass wir uns zur Veröffentlichung -mit Dank an den Einsender- entschlossen haben:
“Ooops, danke für den Hinweis. Allein ich fürchte, jetzt jeden Tag so einen ”bad tipp” und dann habe ich nichts anderes mehr zu tun, als schlechte Locations zu testen. Die Ikone “des strengsten Gastrokritikers aller Zeiten”, das war eigentlich eher ein Flitz, so eine Art schräger Gedanken, ausgehend davon, dass ich gelegentlich auf qype.com meinen Senf zur Gastronomie, zur guten wie zur schlechten, dazu steuere, herzlich und danke fürs Feedback” (Ende: unsere Antwort)

Dave Brubeck – Take Five (via Youtube)

Richtig und auch vom Absender des Leserbriefs folgerichtig mitgedacht. Macht einer “ein schräges Spiel” und bearbeitet “seine Ikone” (kleines Profilbildchen) fürs “qypen” (anderes Wort für: Gastronomietests schreiben), mit dem Zusatz “Der strengste Gastrokritiker aller Zeiten” (Ursprung hier) -der wird -natürlich- daran gemessen! Und jetzt -hier!- Geheimnisverrat pur: Als ich mein Profilbild überarbeitete und diesen Textzusatz drauf packte, musste ich schallend los lachen! Ich hatte ihn nur ironisch gemeint, locker, leicht, fröhlich. Das Resultat: Andere lasen nun Texte von mir unter “dieser ehrwürdig-drohenden Fuchtel” eines unbarmherzigen Gerechten und nahmen mich ernster, viel ernster, als ich mich selbst. Ich hatte zu wenig Distanz zu meinem selbstentworfenen Schabernack und mir nicht ausgemalt, dass man mich ernst nehmen würde.
Eventuell erwartet man sogar, dass aus Spaß Ernst wird, aber was, wenn Ernst davonläuft? Die Wiege hammerharter Gastrokritik stünde erstmalig in Berlin, sie träfe andere z.T. vernichtend und die bundesdeutsche Gesellschaft veränderte sich daraufhin von innen heraus nachhaltig. Nein, ich bin nicht der strengste…usw., meine Beiträge sind kritisch-distanziert und entsprechen ehrlich meinen Empfindungen, und das ist das Gegenteil von Gefälligkeitsjournalismus. Sie sind engagiert und motiviert, niemals oberflächlich oder nebenbei entstanden. Sie sind allerdings niemals nur sachlich und “furztrocken”, sondern oft mit einem Schalk im …, sowie einer Prise Ironie. Ich nehme mich weder sehr ernst, noch sonderlich wichtig. Allerdings, während ich diesen Beitrag als Tagesbeitrag entwerfe, “ringt my bell”. Das Telefon:
Am Telefon ein Gastronom und Unternehmer in weiteren “Gewerken” in Berlin, dessen Name ich jetzt auf gar keinen Fall preisgebe: Redaktionsgeheimnis. Wir sprechen über meine Kritik zum Parkcafé. Das ist nicht seins, um das klarzustellen. Wie das so ist, mit Internet, mit Foren, mit Leuten, die einmal irgendwo hingehen und dann einen großen Senf ablassen. Wir sprechen über gute und schlechte Kritik. Der Mann ist um die fünfzig, ich nur wenige Jahre jünger. Er sagt die Sachen gern in “zwei Sätzen”, das Geseiher in den Internetforen ist ihm zuwider. Er will auch Botschafter sein, eine Lanze brechen für die Betreiber des Parkcafés. Ich sage, ich habe mich um Objektivität und Tiefe bemüht, um berechtigte Kritik, so gut ich konnte. Er meint den “Zeitgeist” allgemein da draußen im Internet, darunter erwachsen gewordene Mittdreißiger, noch bei Mutti wohnhaft, mit DSL-Flat für 18,90 € und den ganzen Tag am “quarken”. Ist “quarken” ein anderes Wort für “qypen”. Er hat zum Teil unheimlich Recht. Ich ärger mich selbst dauernd über Hohlbirniges, dass mir von irgendwelchen Usern angeboten wird. Ich muss, ich kann gar nicht anders, als es schlicht zu überlesen. Ende des Telefonats, auflegen, überlegen: ein Netter, der “aus dem wirklichen Leben” spricht. Web 2.0, eine Blase?

Wer weniger gern etwas aufschreibt als ich, muss die für ihn wichtigen Dinge in seinem Kopf lassen, sie anderen zurufen und hoffen, dass man ihm zuhört. Meine Gedanken halte ich mit Leichtigkeit schriftlich fest und wer mag, kann sie lesen. Dies alles ist gleichberechtigt, keins von beidem ist besser oder schlechter, es ist nur eine andere Art des “Committements”.
Erstens bin ich “vollkommen subjektiv”, wie jeder andere Mensch auch. Zweitens lasse ich gern andere Meinungen neben meiner gelten. Und drittens glaube ich sehr wohl, dass nur eins und zwei zusammen drei ergibt, vier: das ist die Möglichkeit, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Ab fünf und sechs sind alle weiteren Zahlen Geschenke obendrauf. Ich kann wie die meisten anderen bis vier zählen, deswegen baut populäre Musik hierauf grundlegend auf, und insbesondere die von Dieter Bohlen, wobei, ob das Musik…? Lassen wir das. Viele können mitzählen. Alles andere sind “die Überraschungen des Lebens”. Ist das der Grund, warum Dave Brubeck (Take Five, und siehe deswegen hier oben) bis fünf zählte?
Wenn ich selbst weltweit herumstöbere, habe ich eine starke “olfaktorische Wahrnehmung” (nicht wundern: heute Morgen beim Überfliegen einer Hundezeitschrift an einem geheim gehaltenen Ort entdeckt): In Kritik muss ”dreifaltiger Geruch” (angemessen, gerecht muss und subjektiv darf es sein) stecken. Wer gut schreiben kann, lässt andere in diese Dreifaltigkeit offen blicken. Die unterwegs einstweilen anzutreffenden Idioten sind einfach nur subjektiv und vertreten das wie einen objektiven Standpunkt. Angemessen und gerecht sind die “Vollpfosten” nicht.
Mich ärgern “dahin geschnodderte” Kritiken, die “wie aus der Hüfte geschossen” daherkommen und eher so wirken, als sagten sie etwas über den Schreiberling, anstatt über sein (Be-)Schreibobjekt. An anderer Stelle habe ich mal gesagt: “Ich mag Kritik, nur wenn sie laut ist”, in Anlehnung an ein Lied des Berlin-Zehlendorfers Herbert Grönemeyer. Und im Stile bspw. eines Marcel Reich-Ranicki, dem “Godfather of Kritik” (Eigenschöpfung). Ich verehre unter den Schreibenden besonders die mutigen Subjektiven vom Schlage des ausgesprochenen Charismatikers Marcel Reich-Ranicki oder des vorübergehend als oberstem Juden Deutschlands im Gespräch gewesenen, göttlichen Henryk M. Broder. Unvergessen auch die starken Aussagen eines Friedrich Küppersbusch. Nur beispielsweise diese drei Menschen verändern mit Worten die Wahrnehmung vieler Menschen. Die sie nicht verstehen, hassen sie dafür.
Um es als Berliner zu sagen: Ich mag nicht diese Bewohner der Pfaueninsel, die bei Windstille gern aufs stille Wasser des vorbeifließenden Wannsee schauen, um ihr Spiegelbild von allen Seiten zu betrachten. Eine gute Schreibe, das muss “der Sache dienen” und nicht der Selbstbefriedigung. Für den Leser muss was “bei rumkommen”, eine “persönliche, nachvollziehbare Nachricht” und nicht die tiefen Abgründe einer eitlen Seele. Auf den Punkt, sorgfältig, durchdacht und nicht das Gegenteil von alledem…
An der Stelle, als ich ein Icon mit meinem Bildchen schuf und drauf schrieb, ich sei der Strengste “aller Reusen” habe ich mich selbst auf die Schippe genommen. Ich bin ein ganz gewöhnlicher, harter Hund, dem das Leben oft genau so hart oder zumindest ähnlich hart ins Gesicht schlägt. Manches davon gebe ich weiter, u.a. in diesem Blog… Wer Texte veröffentlicht, hat eine Verantwortung, die über den Kneipen-Stammtisch etwas hinausgeht. Deshalb schweige ich jetzt. Prost.

März 25th, 2010 um 14:03
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Thomas Gotthal erwähnt. Thomas Gotthal sagte: 156/10: In eigener Sache: Leserbriefe-Echo "Der strengste Gastrokritiker aller Zeiten" – Reflexionen – http://tinyurl.com/y9jgwyd [...]
Oktober 12th, 2010 um 12:00
[...] Über das Wesen der Qype-Kritik: Echos, Leserbriefe und dergleichen [...]
November 12th, 2010 um 17:23
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September 1st, 2011 um 09:19
[...] Gastrokritik: Die Last mit der Lust an zutreffender Gastrokritik und was daraus wird! [...]