165/10: APO, Sex & Rock’n Roll, ein Kakadu, eine Eule im Restaurant Spreestern in Kreuzberg

thomas
Kakadu im Spreestern

Kakadu im Spreestern

Haschisch, Koks und Meskalin für ein freies Westberlin (Altberliner Redewendung, ca. 1968) – oder: Früher war alles viel besser…

Die Ursprungsidee, etwas über das Restaurant Spreestern in der Köpenicker Str. zu schreiben, titelte der Autor des hiesigen Beitrags sinngemäß in etwa:

Achtung! Der Besitzer vom Restaurant Spreestern in Kreuzberg hat einen Vogel, einen riesengroßen….

Zu uncharmant, zu süffisant, irgendwie dämlich und kein gutes Wording für etwas, von dem man nun am Folgemorgen des Vorabends sagen möchte: “Nö, da hab ich mich sauwohl gefühlt.” Außerdem: Ich hab mich mit dem Vogel sehr persönlich unterhalten und es wäre alles andere als integer, nun im Nachhinein hinterrücks über diesen ein bisschen verquatschten, netten Vogel zu schwadronieren. Auch mit dem Besitzer des Spreestern konnte ich ausführlich sprechen, damit hier keine sprachlichen Unschärfen entstehen! Nein: Es gab übrigens Spargel zu essen, ist klar, ist ja Spargelzeit. Die Berliner spinnen richtiggehend: manche nennen den Fernsehturm sogar “Telespargel”. Vorspeisen vom Spargel, und dann -Berlin, Berlin- Königsberger Klopse, kleine Abänderung: nicht mit Püree, igitt, sondern mit richtigen Salzkartoffeln. Am besten sind immer die Kapern. Ich liebe Kapern. Klassische Küche, manchmal darf’s klassische Küche sein, selten genug, aber dann.

Apropos Kakadu: Der 18.05.2010 abends hatte es mit Vögeln, der Kakadu, eine Lesung “im Zeichen der Eule” und von richtigen Orgien wurde auch berichtet. Einer skandierte zum letzteren: Mehr davon. Eule mit Weile! Unter den Gästen vereinzelt auch “Paradiesvögel”. Wer skandierte, wer ein solcher, wird hier nicht verraten – Redaktionsgeheimnis!

Das Restaurant Spreestern, und so fing alles an, das jetzt dieser Geschichte vorausging, ist ein traditioneller Ort der Berliner Zeitgeschichte. Irgendeinen Sonntag vor irgendwelchen Wochen begab sich der Schriftsteller, Blogger und Weltbürger Wilhelm Ruprecht Frieling zum “ganz ausgezeichneten Frühstücksbrunch” für “kleines Geld” (Eigenzitate Frieling) in das Restaurant Spreestern. Ja, das war ein Tipp von irgendjemandem, um es gleich ganz konkret zu sagen.


Wise Guys – Früher (via Youtube)

Restaurant Spreestern, Kreuzberg

Restaurant Spreestern, Kreuzberg

Mittendrin im schönsten Frühstücksbrunch seit langem hatte Wilhelm Ruprecht Frieling eine Art Götterdämmerung. Es erschienen ihm die vergangenen, guten alten Zeiten, ganz im Sinne des berühmten Songs “Früher war alles wie früher, mein Kind” (Interpret gerade nicht greifbar). “Ich kenne diesen Laden doch”, sinnierte Frieling nach, und dann reihte sich Bild an Bild vor seinem geistigen Auge und langsam erschien ihm auch das spinnenbeinige Tierchen wieder, das dem Laden einst seinen Namen gegeben hatte: vom amerikanischen Geheimdienst getrieben, der im Kalten Krieg “post war”, im selben Hause die “tarantelpress” betrieben hatte, von der ein verblichenes, hängen gelassenes Schild noch zeugte. Als die Kneipe vorn an der Straße wiedereröffnete, nannten die Kneipenwirte es lüstern “Tarantel”.

Lesung Bücherprinz - Wilhelm Ruprecht Frieling, im Zeichen der Eule

Wilhelm Ruprecht Frieling, im Zeichen der Eule

Wer mit offenen Augen durch die Stadt fährt, der kann schon was erleben.

Gestern Abend erschien Wilhelm Ruprecht Frieling zum wiederholten Male im Restaurant Spreestern, das früher Tarantel hieß und eher eine Art Szenekneipe war. Der inzwischen verstorbene Ur-Neuköllner Jacky Spelter (Link unten) spielte in der Tarantel immer wieder: Jacky & his Strangers, das war die einzige Neuköllner Lokalgröße, bevor zahlreiche andere Neuköllner Schlagzeilen machen sollten, wie z.B. der gemeinhin bekannte Bürgermeister Buschkowsky oder Kurt Krömer, der bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises 2010 zur Bundeskanzlerin und zum Restpublikum von der Bühne herab sagte:

“Sind auch viele schöne Frauen hier, oder? Ich bin Illusionist. Ich kann Körperteile von mir in dir verschwinden lassen.”

Jacky Spelter hat seit kurzem einen eigenen Nachruf im Netz. Auf der Website blackbirds.tv ist ihm eine Seite post mortem verliehen worden, die darf er jetzt behalten und vom gegenwärtigen Aufenthaltsort so oft als gewünscht anklicken, wenn er nicht gerade mit Elvis “In the ghetto” intoniert.

Wilhelm Ruprecht Frieling hat ein Buch veröffentlicht mit dem Titel “Der Bücherprinz”, und in diesem erzählt Frieling viel von sich und früher. Jahrgang 1952, machte er sich bereits mit 14 Jahren auf, zunächst nach England. Als Frieling schließlich mit 16 Jahren nach Berlin zog, benutzte er die übliche Reichsbahnverbindung über Marienborn. Und immer kurz vor Wolfsburg hätte Konrad Adenauer auf derselben Strecke gesagt: “Ab hier beginnt die Steppe.” Mittenrein ins bunte Treiben von Westberlin ist er gefallen, wohnte in einer der ersten Wohngemeinschaften (kurz: WG). Hier interessiert die Wohnungswirtschaft die lebhafte Schilderung der damaligen Zustände:

In solch einer Wohnung von vielleicht hundert Quadratmetern wohnten bis zu fünfzehn, sechszehn junge Leute, teils tagsüber, teils nachts, so Frieling in seinen Schilderungen sinngemäß, und man wohnte dort im Schichtbetrieb bei geteiltem Matratzenlager. Das ist nun eine Parallele zur Frühzeit des Kapitalismus in Berlin um die Jahrhundertwende 1899/1900, denn in den Arbeiterwohnungen (“Vierter Stock, dritter Hinterhof – nebenan wohnt ein Philosoph” -Ideal, Blaue Augen) schliefen und wohnten die Menschen bereits ähnlich, wie Frielings Schilderungen zufolge die 68iger, zu einem Großteil zusammengesetzt aus westdeutschen Wehrdienst-Flüchtigen

Der Ort, das Restaurant Spreestern, ist daher gut gewählt für die Lesung des Autors. Was hier alles vonstattenging, gehört zur Berliner Zeitgeschichte. Frieling eröffnet die Lesung mit einem kurzen Abriss über die Gesamtgeschichte des Lokals, um dann im Kern die eigenen Erinnerungen zu präsentieren, die mit Jacky Spelter, dem Verblichenen, zu tun haben, mit dem Fememord an dem Berliner Studenten Ulrich Schmücker und die Verstrickungen des Berliner Verfassungsschutzes, an “einen der längsten Prozesse der deutschen Rechtsgeschichte”, an den “Zweifingerblues” auf dem lokaleigenen Klavier, gespielt, um sich das Bier zu kaufen, von dem er früher gern und reichlich getrunken habe. Ansonsten gab es in der WG auch manchmal Weißbrot mit Ketchup und einmal hat ein WG-Mitbewohner in einem verräucherten Zustand drei Weißbrote auf einmal aufgefressen.

Ein anderes Mal haben sich mehr als 100 Personen in einer Fabriketage getroffen und irgendwann hat einer das Licht ausgemacht. Jeder hat es mit demjenigen getrieben, der gerade erreichbar schien, und genau gesehen hat man den nicht. Aber gefühlt. Die Stimmung sei hinterher recht entspannt, friedvoll und leicht gewesen. Was am Kurfürstendamm nicht der Fall war, wenn die großen Vietnamdemos am Café Kranzler losgingen. Ein Teil der Rote-Armee-Fraktion hat in Berliner WGs gewohnt, doch da gab es die noch gar nicht. Den Rest erzählt uns kenntnisreich Stefan Aust in seinem Buch “Der Bader-Meinhof-Komplex” oder auch die Verfilmung gleichen Namens, dort allerdings sehr komprimiert und auf Actionformat zurechtgestutzt.

Hinterher und nachdem Frieling den gut zweistündigen Diskurs über das Berlin der späten 60iger und frühen 70iger Jahre (“Wir hörten Led Zeppelin mit einem Plattenspieler mit Wiederholungsfunktion, den ganzen Tag.”) abgeschlossen hat, diskutieren ein paar Gäste des Abends noch intensiv über den Schmücker-Prozess. Ein namentlich nicht Genannter, früher Chefredakteur eines Berliner Stadtmagazins, erinnert sich an Verena Becker und eine andere Dame/Mitbewohnerin in einer anderen WG, die dann abgetaucht sei. Nicht auszudenken, da dürften einige im Übrigen auch vom Verfassungsschutz mandatiert gewesen sein, und mussten dann verschwinden. Die “Akte Weingraber” ist in den Archiven des SPIEGEL sehr gut dokumentiert, Weingraber, das ist der bürgerliche Namen des Manns hinter dem Tresen der Tarantel, der in der Tarantel einen “adligen” Codenamen besaß.

“achso, der wirt hat im palast der republik gelernt und kocht selbst. es gibt wiener schnitzel, rumpsteak mit spargel, kassler – gute deutsche küche und guten riesling.
ein kakadu sitzt am fenster, sagt bisweilen was papageienhaftes, lustiges. die kellnerin ist sehr sympathisch und unglaublich freundlich. respekt für den mut, hier im gastronomischen niemandsland ein lokal zu betreiben .. schöne stimmung, gute atmosphäre, geheimtippverdächtig.” (Lokalreporter auf qype.com zum gestrigen Abend und übrigens nicht zu Weingraber, dem V-Mann, sondern zum aktuellen Stanglwirt)

Das Spreestern ist ein empfehlenswertes Restaurant mit einem engagierten Besitzer (gelernter Koch), äußerst fähigem Personal (mit Weinkenntnissen bis hin nach Südafrika und Chile) und bei Bedarf sogar einem Glas “Chartreuse”, sie sagt, heute werde der “Ladenhüter” mal getrunken. Wahrscheinlich weiß niemand, was Chartreuse ist. Ist auch egal. Superabend, Supervortrag (Wilhelm Ruprecht Frieling), Super-Restaurantchef, Superessen, Superpersonal, Superstimmung, man ist nun gewiss, “alles ist gut”, inzwischen.

CD Veröffentlichung "Fifty Five" (Quelle: blackbirds.tv)

CD Veröffentlichung "Fifty Five" (Quelle: blackbirds.tv)

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Jetzt sind wir wieder in der guten, alten Zeit und daher noch dies: Freunde handgemachter, guter Musik gehen am Donnerstag in die Kulturbrauerei. Der Berliner Musiker Andreas Hommelsheim hat eine nur als Spitzenbesetzung zu bezeichnende Band auf die Beine Bühne gestellt, die die Veröffentlichung ihrer LiveCD vorstellt und irgendwie vermutlich auch Geburtstag feiert, so denkt sich das! Eine ausführliche Ankündigung dieses Konzerts findest du hier. Unbedingt hingehen! Let the good times roll…


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