167/10: Schulfest: Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein dann ooch nicht mehr…vom Vergnügen!
Eltern werden ist nicht schwer. Eltern sein hingegen sehr. (Alte deutsche Redensart)
Es ist Freitag, der 28.05.10, Berlin-Zehlendorf, Mühlenau-Grundschule, eine Schule mit etwas mehr als 600 Kindern, einem Schuldirektor namens Volker Herz, einem Lehrerkollegium ungezählt gebliebener Lehrer, Kindergärtnerinnen, Erzieherinnen, einem Schulhof und einer ziemlich sehr neuen, schicken Turnhalle. Und einen Hausmeister, den zu erwähnen Pflicht ist. Sogar der Hausmeister ist nett. Und Hausmeister sind an Schulen eigentlich nie nett. Die neue Turnhalle bleibt heute weitgehend verwaist. Wenn auch der Mai 2010 rückblickend einer der kältesten, nassesten Mais aller Mais ist, so hat man doch Glück gehabt.
Bereits seit gestern liefen hier die Vorbereitungen für ein ganz großes Schulfest, eines jener Feste, die immer wieder stattfinden und die den umliegenden Anwohner eher nicht gefallen. Frühmorgens am Freitag geht ein Vater mit dem Direktor noch einmal den Parcours ab, der für einen Transporter Renault Trafic (schwarz) in Frage kommt. Es ist ein Schlangenlinienparcours, vorbei an Wimpeln, Fähnchen, Lautsprecheranlagen, Partyzelten und allerhand Schnickerdöns.

Alles in allem soll hier und heute eine ganz große “Fress- und Partymeile” entstehen. Es wird Kuchen geben, Salate, später wird gegrillt. Bier vom Fass. Nichts ist unmöglich. Erwartet werden bis zu 2.000 Gäste, rechnet man sich aus, und sogar die Bezirksstadträtin Otto hat ihr Erscheinen angekündigt. Auf der Schule gibt es einen guten, gemeinsamen Geist. Was man anderswo nicht immer unbedingt behaupten kann, gilt in der Mühlenauschule als eine Art “common spirit” – der “gute Geist von Helsinki” besteht in einem stillen Übereinkommen aller Beteiligten. Dass er zwar nicht ganz leicht ist, Eltern zu sein, aber gemeinsam könne man vieles schaffen. Allerdings, Vorsicht: Vom wissenden Didi de Vries haben wir folgende Lebensformel verbindlich vermittelt bekommen:
Kind, lern nichts, sonst musst du arbeiten!
Am frühen Morgen sagt Direktor Herz, er habe geordert, dass es jetzt sofort “alles abregnen” solle. Das Wetter ist grantelig am frühen Morgen. Der Vater stimmt mit ein: “Da kann nichts passieren, ich habe ihm eine Email geschrieben, daran hat er sich zu halten.” Wer? Anweisung an den Chef, den lieben Gott, er möge seinen Mitarbeiter Petrus, zuständig fürs Weltwetter, “ganz von oben her” anweisen, das Wetter gegen Nachmittag umzuschalten auf “gut”. Später erweist sich die Zuverlässigkeit von Gott. Email reicht.
Am Nachmittag ist mächtig Zauber auf dem Hof. Es gibt Buden, Stände, mit allerhand verschiedenen Angeboten. Tine (Foto ganz oben), Mutter und Bierzapferin auch schon in Studententagen, hat sich eine mächtige Bierschürze umgebunden. “Ist die aus Leder?” fragt einer, und Tine antwortetet: “Wohl eher nicht.” Durch ihre beiden Hände gehen an diesem Nachmittag geschätzt drei- bis viertausend Bier, und gefühlt nochmal so viel. “Mit Blume”, ordern die gierigen Kindesväter “jenseits vom Tresen” und verlangen “Nachschlag”. Tine gibt ihr Bestes. Tines Mann Micha ist ebenfalls zum Elterndienst eingeteilt. Er wird später die Regel der britischen Gruppe Supertramp (Album: Crime of the Century) außer Kraft setzen, die folgendes besagtsingt:
Später wurde es noch mächtig dunkel. Denn: “Dans le dunkel cest bon munkel” (Alte Berliner Redensart). Doch dunkel war es jetzt noch nicht, deshalb der Reihe nach.
Martha hat zwischendurch mal eine Pause eingeschoben. Die peruanische Mutter zweier Töchter hat gewissenhaft mitgemacht, trotz oder vielleicht gerade wegen eines überbordenden Lebens voll Aufgaben, Verpflichtungen und Terminen. Morgen früh fliegt sie ins Ausland, um ihre Familie zu treffen. Heute ist Elternzeit. Für ein Stück Kuchen zwischendurch ist Zeit. Entspannung. Dann weiter. Wieder Kuchen verkaufen. Martha hat zwei Töchter an zwei verschiedenen Schulen. Am Wochenende Familie treffen im Ausland, Montag wieder Schule. Manchmal bringt Martha auch einen spanischen Schinken mit, luftgetrocknet! Aufgaben alle mal zwei gerechnet.
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Nicole, vierfache Mutter, hat heute besondere Aufgaben im Elterndienst zugewiesen bekommen. Gemeinsam mit Micha, dem Mann von Tine, und Tommy, Vater und Schlagzeuger und mit Michael, Vater & Gelegenheitsgitarrist, sollen sie gegen 19 Uhr eine Art Chillout-Lounge musikalisch betreuen. Die Supergroup heißt gerade nicht “Einstürzende Schulbauten”, wie Schlagzeuger Tommy witzelt, und übrigens auch nicht MMNT (Micha, Michael, Nicole, Tommy), sondern schlicht & ergreifend, aber erst auf Nachfrage des Schuldirektors vor Publikum “Michael-Bund-Band”. Eingeübt von Sängerin und Pianist/Saxophonist und Gitarrist -einem Tausendsassa an allen Instrumenten namens Michael Bund- lediglich rund acht/neun Stücke der musikalischen Weltkultur: The Boy from Ipanema, Lullaby of Birdland, Two sleepy people und “paar andere Perlen” sind angesetzt. Der Schlagzeuger begleitet aus der Erinnerung und war bei den Proben nicht dabei. Michael, der Gitarrist, auch nicht. Alles Weitere muss sich fügen. Musiker nennen das, was dann kommt, eine Melange aus Playbacks, zu denen einer spielt (z.B. Saxophon und/oder Schlagzeug), Spontansession mit verzerrter Gitarre, wenn Michael (g.) den Blues hat, aber keine Session.
“Hah, guck ma, die spielen ja gar nicht” (paar Kinder, an der Bühne stehend, als Michael Bund eine Playback-CD einlegt, zu er später mit Saxophon den Gesang begleiten wird)
Denn in einer Session würde die Gruppe dem Auftrag nicht gerecht: es geht darum, und jetzt wird diese Website ganz, ganz jugendlich, dass die Menschen “chillen” können (anderes Wort für schimmeln…) und das die Musiker sie nicht “dissen” (BRAVO-deutsch für verprellen).
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Als Schlagzeuger des Tages stellt sich am späteren Abend allerdings Bene raus, der seit kurzem Schlagzeugunterricht nimmt und das Schlagzeug heiß “wie nix anderes” findet. Mit Vater Michael an der Gitarre geben die beiden “Sunshine of your love” von Cream. Man wundert sich, woher ein 11/12-Jähriger solche Stücke der Rockkultur kennt. Na klar, vom Vater. Bemerkenswert: Bene spielt das Stück nicht mit Sticks, also cm-dicken Haudrauf-Werkzeugen, sondern mit mitgebrachten Jazzbesen. So hören wir die Jazzversion des Rockklassikers und Vater Michael und Bene lachen jetzt gemeinsam, und sie haben Spaß. Das Publikum auch: hinterher wird ausgiebig geklatscht. Sohn Bene hat heute den ersten großen Auftritt seines Lebens.
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Das Schulfest geht nicht wie geplant zu Ende. Es wurde fest damit gerechnet, dass das Ende des Schulhoffestes mit saumseliger, verträumter Jazzmusik für Chillende (siehe oben) von Unformierten beendet wird. Schon seit Jahren sind einige Nachbarn sehr kritisch gegen die Schule eingestellt. Das unterscheidet sie von den Eltern, die die Schule ihrer Kinder sehr mögen und vor allem das engagierte, nette und ziemlich unvergleichliche Lehrerkollegium. Es gibt an den Eckpunkten der Schule solche Nachbarn, die nichts Besseres zu tun haben, als bei jeder noch so unbedeutenden, scheinbaren Regelverletzung die Polizei holen. Vielleicht haben sie eine Aggression dagegen, sich in die Gegend eingekauft zu haben und nun die Schule mit gekauft zu haben, seit gefühlten 100 Jahren. Vielleicht gehören sie aber auch nur zur Kaste jener Miesepetrigen, die den ganzen Tag über nichts Besseres zu tun haben, als hinter der Gardine zu lauern, ob irgendein Kindesvater einen Parkverstoß begeht? Nein, heute ist alles ruhig, sogar die Musik auf dem Pausenhof. Hat es diesen Nachbarn etwa gefallen? Scheint so.
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Man muss die Nachbarn an dieser Stelle mal in Schutz nehmen. Sie sind der jahrelangen, inständigen Hoffnung der Schule, die Lage möge sich insgesamt entspannen und es würde eine gewisse Großzügigkeit eintreten, auf hervorhebenswerte Weise entgegen gekommen: Niemand hat gebellt, gebissen und krakeelt, nein, diese Nachbarn, die haben sich sehr gut verhalten: wie gute Nachbarn. Nachbarn im Geiste. Nachbarn im Gedanken an die Idee, dass Kinder (und deren Eltern) es gar nicht mal so leicht haben, sich die Schulpflicht wirklich nicht aussuchen dürfen und alles dafür tun würden, dass ihre Kinder in einer menschlichen, liebenswerten Gesamtgesellschaft aufwachsen.
Nicht jeder wird eine Lena Meyer-Landrut werden, dann wär’s auch langweilig. Mehrere verträgt Deutschland nicht, ohne dass jede Einzelne unwichtiger würde.

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(Mit Dank an Celina für die tollen Fotos)

Juni 6th, 2010 um 12:39
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