177/2010: Schöneberg: Die Ratsstuben JFK tauchen in die Vergangenheit ab…

thomas
Ratsstuben JFK, Freiherr-vom-Stein-Str., Schöneberg

Ratsstuben JFK, Freiherr-vom-Stein-Str., Schöneberg

Sag wo die Soldaten sind, wo sind sie geblieben? Über Gräbern weht der Wind. Sag mir, wo die Gräber sind, wo sind sie geblieben? Blumen wehen im Sonnenwind!

Die Ratsstuben JFK in Berlin-Schöneberg haben drei große Initialen im Namen. Die vom “godfather of all american presidents ever”: John F. Kennedy. Ihm zu Ehren tragen die alten, würdigen Ratsstuben ihren Namen. Und das Interieur des vorderen Gastraums ist denn auch “kennedy-stylish” aufgebretzelt. Überall an den Wänden hängen alte, tradionslüsterne Flicken aus jener Zeit, als Mr. President die Schöneberger Berliner vor dem Rathaus mit den Worten “Isch bin eihnn Bärliner” begrüßte. Dabei hatte sich Kennedy eigentlich nicht mit Ruhm bekleckert, als die Sowjets und die DDR-Deutschen eine Mauer errichteten. Der Besuch, das war sowas wie ein Trostpflaster. Mit Ruhm hat sich indes eine andere Person der deutschen Zeitgeschichte bekleckert:


Sag mir, wo die Blumen sind! Marlene Dietrich (via Youtube)

 

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Marlene Dietrich. Sie war bereits der “Blaue Engel”.

Der blaue Engel - Marlene Dietrich (Filmplakat)

Der blaue Engel - Marlene Dietrich (Filmplakat)

Die Ratsstuben JFK sind ein Unikum, und insgeheim ist das Örtchen kein stilles, sondern eins mit Kommunikation, Politik und Austausch. Zu früheren Zeiten residierte “umme Ecke” (berolinisch für “um die Ecke”) das Berliner Abgeordnetenhaus, zu Gast im Rathaus Schöneberg. Wo Kennedy auf dem Vorplatz den Satz der Sätze sagte, der Berlinern mit Erinnerung so gut tut, der in Wirklichkeit aber nur ein “Trostpflaster” gewesen war.

Die Berliner sollten das Gefühl bekommen, sie seien nicht allein gelassen, in dieser schwierigen Zeit.

Allein gelassen verstarb später die große Marlene Dietrich, sich abkapselnd von der Welt und nicht mehr öffentlich gesehen, in ihrer Pariser Wohnung im Jahre 1992.

Kennedy ermordet - BZ Schlagzeile - Ratsstuben JFK

Kennedy ermordet - BZ Schlagzeile - Ratsstuben JFK

Als Kennedy ermordet wurde, war das ein paar Jahre vorher: 1963.

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Kennedy und “die Dietrich”: das ist die Melange, auf die sich die Ratsstuben JFK jetzt insgesamt gründen. Es sind Erinnerungen an zwei große, emotionale deutsche Momente, die zweifelsohne auch nicht ohne gefühlten Gegenwind auskamen. Er schlug der teils in Ungnade gefallenen Marlene Dietrich aus Deutschland heftig entgegen, als sie nach dem Zweiten Weltkrieg das erste Mal wieder in Deutschland eintraf. Auch Kennedy war nicht nur beliebt. Beide zusammen, das ist ein “illustres Pärchen” unvereinbarer Zweisam- und Merkwürdigkeiten und die Ratsstuben JFK existieren allerdings andererseits mit diesem Zwitterthema schon länger, als man es von der neu erfundenen Systemgattung “Themengastronomie” überhaupt kennt. Themengastronomie? Da lachen ja die Hühner.

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Wie Pocahontas stehen die zwiebelturmgroßen Lokalpygmäen um Stamm- bzw. Stehtische herum und schlürfen braune Gerstenbrause vom Fass. Hier hat jeder schon gestanden: der Bezirksbürgermeister, der Ortsgruppenvorsitzende von der CDU, sein Kumpel von der Jungen Union, der jetzt schon zu den Senioren gehört. Auch Sozen, so Sozialdemokraten waren da, eher so “die Rechten”, die mehr ins bürgerliche Lager gehören, als die Linksgescheitelten mit Nickelbrille und viel akademischer Lebenszeit. Hier wurden Bündnisse diskutiert und Hintergründe, Provinzpossen getratscht und lokale Politik-Spielregeln festgezurrt: “Gabi, machste ma noch eins?” Gabi sagt: “Ja klar!” “Danke, Gabi.”

Ansonsten war der Laden schon immer so politikversunken, dass niemand auf die Idee gekommen wäre, in dir einen Maulwurf zu vermuten, einen Spitzel, der gezielt angesetzt ist, die politischen Lager im JFK auszuspionieren. Es gibt im JFK kaum politische Lager, man ist schlicht unter sich, man kennt sich und alle duzen sich. Falls sie sich duzen. Manche siezt man auch erst einmal ganz absichtlich. Die Zeit ist in der gastronomiebraun gehaltenen Grundstimmung im JFK irgendwie stehen geblieben und egal geworden. Die Welt, die verändert sich da draußen, hier nicht. Alles bleibt hier, wie es einmal war. Früher war alles…

Vornedrin alles braun, John F. an den Wänden, BZ, Schwarzweiß, paar Fotos. Hinten rum den Gang entlang: der Raum “Marlene Dietrich”. Wer zu Marlene will, muss sich an John F. vorbeikämpfen. Wer zum Klo will, zieht an Marlene vorbei, zum Klo schnell und auf dem Rückweg flanierend, vorbei an Filmplakaten aus einer großen, vergessenen Zeit.

Marlene-Dietrich-Zimmer, Ratsstuben JFK

Marlene-Dietrich-Zimmer, Ratsstuben JFK

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Oder auch Gabi Bartels, die Chefin “von det Janze” (berolinisch für “den ganzen Laden”). Gabi Bartels gilt als “kamerascheu” und mag sich nicht fotografieren lassen. Über sie soll nichts da stehen und nichts da zu sehen sein, über den Laden selbst, okay, aber bitte nicht…..nun gut. Wir haben das aus alter Verbundenheit mit ihr beherzigt! Musst du selbst gucken gehen, wirst sie schon erkennen.


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