214/11: Am Diakonieweg in Heiligensee fand ein Reitturnier statt, ein Interview mit dem Grillmeister

thomas

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25.06.11 - (Reitturnier, Diakonie, Heiligensee)

25.06.11 - (Reitturnier, Diakonie, Heiligensee)

Wer nichts wird, wird Wirt. Wer etwas werden will, kann den Beruf des Pferdewirts in Erwägung ziehen! #Karriereplanung

Eine der letzten Ausfahrten auf der Autobahn namens “Stadtring Nord” ist, gefühlt schon kurz vor Hamburg, die Ausfahrt Schulzendorfer Str. in Berlin-Reinickendorf, Ortsteil Heiligensee. Hier trifft sich die slowdrive-Bewegung Berlins, das Tempo ist schon auf 60 gedrosselt und wenn du schneller fährst, lauern die Ermittlungsbehörden und teilen Tadel aus wegen schlechtem Benehmen.

Derlei ist heute nicht zu befürchten, denn die Pferdefreaks treffen sich. Es gibt ein Reitturnier dort am Diakonieweg. Aus allen möglichen Gegenden kommen Reiter mit Wagen, Hänger und Pferden herbei. Kürzlich lief dieser Tatort “Im Abseites” mit Ulrike Folkerts, DFB-Präsident Theo Zwanziger, Oliver Bierhoff und Jogi Löw. Es geht um Fußball, eine türkische Fußballhoffnung, weiblich, namens Fadime Gülüc, diese wird erschlagen mit einem Rohr in der Umkleidekabine aufgefunden. Der Mörder, so stellt sich heraus, war der Platzwart. Was die Presse zu einer Verballhornung der älteren Reinhard-Mey-These “Der Mörder war immer der Gärtner” veranlasst, kunstvoll nimmt die schreibende Zunft den Faden auf und vermutet: Der Mörder war immer der Platzwart. Und so scheint es auch, deswegen fragen wir das den Hausmeister, Grillmeister und technischen Ansprechpartner des Vereins.


Ernst Neubauer: Grillmeister vom Reiterverein an der Diakonie, Berlin-Heiligensee (via Youtube) 

Karriereplanung: Zum Grillmeister eines Reitvereins wird man ernannt, wenn man weiß, andere Leute haben schon mal gegrillt und das ging dann in die Hose. Die hatten kein Fleisch, wenn das Fleisch gebraucht wurde undsoweiter…

Das Gespräch ist kurz, prägnant und leicht im Fluss. Gefragt wird investigativ, nachhakend, neugierig und auch ein bisschen ahnungslos. Denn ob Mörder sich auf dem Pferdeplatz bekennen, ist uns unbekannt. Ebenso unbekannt und daher im Hintergrund bleibt die Frau des Grillmeisters, die im Hintergrund am Tresen steht und Getränkeverkauf betreut. Sie hat hier eine Reitbeteiligung und einen eigenen Grillmeister, ihren Ehemann.

25.06.11 - (Ernst Neubauer, Reitturnier, Diakonie, Heiligensee)

25.06.11 - (Ernst Neubauer, Reitturnier, Diakonie, Heiligensee)

Ernst Neubauer ist Hausmeister, Grillmeister, technischer Ansprechpartner, Ehemann.

Immer wenn die Übungen zu Ende sind und nach der “Preisverkleidung” (Zitat) sind grilltechnische Stoßzeiten. Jedes Jahr findet ein großes Turnier statt und manchmal Sichtungstage, das sind Hausturniere des Vereins, bei denen die übrige Öffentlichkeit außen vor bleibt. Nur Teilnehmer des eigenen Vereins nehmen teil und wenige geladene Gäste.

25.06.11 - (Turnierreiterin, Reitturnier, Diakonie, Heiligensee)

25.06.11 - (Turnierreiterin, Reitturnier, Diakonie, Heiligensee)

Die Reiter und Reiterinnen sind unterschiedlichen Alters. Ein Juror bedauert aufrichtig, als er die lobenden Worte spricht, auf die alle Teilnehmer so dringend warten, es sei ja schwierig mit dem männlichen Nachwuchs und daher begrüße er den einzigen Jungen, der in der Staffel eben mitgeritten sei, sehr herzlich. Es ist ein bisschen sehr weiblich im Schwerpunkt, dafür galoppierend im Abgang und trabend sucht hier niemand das Weite. Man sucht “die Weite”.


Reitturnier an der Diakonie – Berlin-Heiligensee (via Youtube) 

Ein paar Moleküle Pferd liegen in der Luft, heute ein paar mehr davon. Man hört rüstern, wie die Pferde die Luft blähen mit Nüstern und wie es scheint, tun sie´s lüstern. Okay, ein Rüttelreim, holprig wie der Parforceritt auf einem Pferderücken. Damit kann man Menschen entzücken, mich nicht. Ich freue mich für Andere.

25.06.11 - (Grillmeister, Reitturnier, Diakonie, Heiligensee)

25.06.11 - (Grillmeister, Reitturnier, Diakonie, Heiligensee)

So langsam kommt der Grill in Gang, den Grillmeister Ernst Neubauer mühsam entfacht hat. Neben ihm steht seine Frau und während Ernst Neubauer noch gen Himmel schaut, um eine Einschätzung vom “Grillwetter” zu erhaschen, rechnet er im Kopf schon die Zahl der Grillgutstücke durch, die ihm nicht Wurst sein kann: Seit rund 15 Jahren grillt, bruzzelt und bräunt er die fetten Stücke Schweinskotelett, Kamm und Rostbratwurst, die großen, weißen Dinger, die erst auf dem Grill eine leckere, bräunliche Färbung erhalten. Ist dann Stoßzeit, muss es Schlag auf Schlag gehen: die Leute stehen an, sie haben Hunger und einige wollen sich gar vordrängeln. Dann ruft Ernst Neubauer seiner Grillmeister-Assistentin zu “Wurst ist fertig” und “Schnitzel geht in Ordnung” und sie reicht ihm Pappteller an, drauf eine Scheibe Brot als Unterlage. Messer und Gabel aus Plastik nimmt sich jeder selbst, am Ende des Grillrostes stehen Senf und Ketchup, Ketchup ist alle, eine neue Flasche muss her: Heinz Ketchup, super, Heinz Ketchup kann man “squeezen” (quetschen).

25.06.11 - (Preisverleihung, Reitturnier, Diakonie, Heiligensee)

25.06.11 - (Preisverleihung, Reitturnier, Diakonie, Heiligensee)

Inzwischen ist es so weit: die Preisverleihung. Die Teilnehmerinnen und bei diesem Durchgang kein einziger Teilnehmer stehen erwartungsvoll in der Reihe. Die besten Teilnehmerinnen werden prämiert mit Band und Siegel. Alle anderen erhalten ein blaues Erinnerungsbändchen, ist blau nicht die Farbe von Traurigkeit?

25.06.11 - (Reitsport und Prestige, Reitturnier, Diakonie, Heiligensee)

25.06.11 - (Reitsport und Prestige, Reitturnier, Diakonie, Heiligensee)

Die Preisverleihung ist vorbei. Draußen steht ein Pferd, und auf dem Sattel hinten drauf steht “Prestige” und ich denke: “Ja, genau, und darum geht´s!” Bzw. worum geht es eigentlich? Spaß, Sport, Anerkennung, was? Gedanklich bin ich wirklich nicht “hippo”, mein Steckenpferd war “Hippie”, aber das ist lange her.  Happy Hippie, Hipper Happy, Happy Hippo, ist das nicht im Grunde genommen alles das Gleiche? Ich verwerfe diesen Gedankengang wieder: Prestige.

25.06.11 - (Kulturbeflissene Turnierpferde, Reitturnier, Diakonie, Heiligensee)

25.06.11 - (Kulturbeflissene Turnierpferde, Reitturnier, Diakonie, Heiligensee)

Es kann kein Zufall gewesen sein, dass dieses Foto um 12:12 Uhr entstand: eine Schnapszahl. Einige haben ihre Pferdchen, ziemlich große Dinger das, hübsch aufdrapiert. Sie tragen Ohrenschmuck, wie ich ihn eigentlich in einer indischen Seifenoper oder in “1.001 Nacht” beim Kalifen von Bagdad vermuten würde. Die Reiterin dieses Ungetüms hat eine Ton in Ton gefärbte Bandage um ihren schwarzen Reiterhelm gewickelt, Pferd und Reiterin sind “unifarben”. Design, Stil, Ästhetik, eine ganze eigene. Sind solche Leute “Junge Wilde”, Revoluzzer im historisch korrekten Reiterbetrieb, in dem schwarz und weiß getragen wird, Jackett und Stretchhose? Lehnen diese “farbigen Prächtler” sich dagegen auf? Oder ist das letztlich nur “haute couture”? Wir sind ja so was von Berlin.

Mir ist diese blonde Hübsche aufgefallen, sie ist so 22 bis 25 Jahre alt, ich kann sie schlecht einschätzen. Sie steht mit anderen zusammen und einige von ihnen stehen durchaus ein Stück weg. Und dann spreche ich sie an und sag: “Sag mal, sag jetzt nichts” und sie schaut mich fragend an. Ich sage: “Du bist eine Schwester” und ich füge hinzu “von der da!” und zeige mit dem Finger auf eine etwas ältere Frau, so ähnlich hübsch. Sie lacht: “Stimmt!”. Und dann zeige ich auf eine andere Frau, noch älter, ich sage: “Und das ist deine Mutter?” – Sie gackert: “Genau!”. Ja, ich habs gesehen. Ach, wäre ich bloß nicht so neugierig. Ich mache mich wieder vom Acker.

Und am Ende steht der feste Händedruck vom Bezirksbürgermeister von Reinickendorf, Frank Balzer (CDU).

25.06.11 - (Bürgermeister Frank Balzer (CDU), Reitturnier, Diakonie, Heiligensee)

25.06.11 - (Bürgermeister Frank Balzer (CDU), Reitturnier, Diakonie, Heiligensee)

 


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