Wohnst Du noch, oder lebst Du schon? – Wie wohnt man eigentlich in Kuba?

Elke Pohl
Havanna - Straße hinter dem Capitol

Havanna - Straße hinter dem Capitol

Geschätzte 11 Millionen Menschen (zu je einem Drittel europäischer, afroamerikanischer und gemischter Mulatten Abstammung) leben derzeit in Kuba. Neben Havanna gehört auch Trinidad (nicht der Inselstaat, siehe hier, das schrieb ich schon) zu den prächtigsten Kolonialstädten des karibischen Raumes. Nichts ist auf Hochglanz poliert, die Farben sind bereits längere Zeit schon verblasst, der Putz bröckelt, und doch haben die Städte dadurch nicht an Reiz verloren.

Sie bestechen durch ihren altmodischen, unverfälschten Charme. Im Januar 1959 marschierte Fidel Castro in Havanna ein und erwarb sich die Bezeichnung màximo lider. Er hatte wenig Vertrauen in diese glamouröse Großstadt. Die Städteplaner des besiegten Diktators Batista hatten ursprünglich vor, die halbe Stadt abreißen zu lassen. Parkplätze sollten entstehen. Ganz so, wie einstmals Ronald Reagan beabsichtigte, aus der DDR einen Parkplatz zu machen. Nun ist Reagan tot und die DDR auch, und deswegen wurde auch aus den Umbauplänen von Batista, was Havanna betrifft, nichts.

***

Havanna - Wohnhaus direkt hinter dem Capitol

Havanna - Wohnhaus direkt hinter dem Capitol

Die städtebauliche Pracht Havannas war nach der Revolution sich selbst überlassen. In die Paläste der spanischen Kaufleute und der amerikanischen Mafiabosse mit ihrer einzigartigen Mischung aus Kolonial- und Jugendstil, Moderne und Art déco zog die arbeitende Bevölkerung ein. Es folgten Jahre schwerer Wirtschaftskrise. Zur Bekämpfung der Wohnungsnot wurden Trabantenstädte wie Alamar im östlichen Teil von Havanna mit riesigen Plattenbausiedlungen errichtet. Von den Problemen, die die Menschen in Alamar umtreibt, berichten inzwischen hip-hoppende, junge Musiker, die dort aufgewachsen sind.

Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime in den Ostblockstaaten der Welt fehlt es in den 90er Jahren auch in Kuba an Baumaterial. Die Wohnungsnot wurde immer größer. Nach Havanna mit mindestens zweieinhalb Millionen Einwohnern darf zurzeit niemand ziehen, von dort weg jeder. Die Schönheit ganzer Straßenzüge bröckelt in der tropisch-feuchten Meeresluft und die Luftverschmutzung tut ein Übriges. In der anhaltenden Not wurde Pfusch zu einer Tugend und Behelfsmäßigkeit zur Devise. Nichts lässt sich vernünftig planen, wenig bis gar nichts wird neu gebaut und der Bestand vorhandener Wohnungen wird allenfalls notdürftig geflickt. Wie lange halten die Balkone noch, wie lange werden mit Brettern vernagelte Fenster manch heftigem Regensturm standhalten?

Havanna - Hauseingang

La Habana Vieja - Hauseingang

Nicht nur in Havanna wurden auf den Dächern alter Paläste, Hotels oder sonstigen Gebäuden behelfsmäßige Not-Behausungen geschaffen. Das Material dazu wurde von der Straße gesammelt. Hier ein Brett, da ein Blech für das Dach, ein Rohr usw. Der Kubaner ist pragmatisch. Derartige Dachbehausungen, ganze Stadtstädte auf Dachflächen, kennt man aus mehreren südamerikanischen Ländern, darunter Argentinien und Brasilien. Es sind Favelas auf hohem Niveau: auf der Dachfläche. Das einzige, was höheres Niveau hat, von der Straße als gedachtem Nullmeridian Richtung Vertikale (nach oben), ist die Dachfläche. Doch dort leben die Menschen auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Niemanden überrascht’sDer Grund:

Havanna - La Habana Vieja

Havanna - La Habana Vieja

Überall im Land wohnen Menschen auch auf Flachdachflächen, die zur vollständigen Reststoffeverwertung aus Müll zu Notbehausungen errichtet wurden. Ganz anders leben die Menschen hier als beispielsweise in Berlin-Kreuzberg, wo der Schuldner die Ausfrierung dulden muss, weil er Betriebskosten jahrelang nicht gezahlt hat. Auf den Dachflächen von Kuba ist es nicht mal selten, dass Menschen dort ohne Anschluss an Wasser, Strom und Heizung wohnen, in Berlin-Kreuzberg ist Zahlungsverzug jahrelang oft vollkommen folgenlos. Das ist nicht ganz richtig: In Kuba wird wegen derartiger Vergehen niemand verhaftet. Die Sache ist ganz einfach: Es ist schon vom Grundsatz her verboten, Wohnungseigentum zu erwerben.

Bayamo in Camaguey

Bayamo in Camaguey

1982 ernennt die UNESCO die Altstadt Havannas  zum Weltkulturerbe -und nun kommt der Umschwung. Über 900 erhaltenswerte Gebäude zählt die UNESCO in Havannas Altstadt, einige von ihnen stammen noch aus dem 16. Jahrhundert. Es sind schöne Plätze und Gebäude zum Teil aufwendig renoviert und rekonstruiert worden. Sanierte Prachtbauten werden in Hotels, Bars und Boutiquen umgewandelt. Der Gewinn wiederum fließt in die Renovierung. Möglich macht dies vor allem der Aufschwung in der Tourismusbranche. 

Bei all der Armut und einer Vielzahl von Not-Behausungen sind die Menschen äußerst lebenshungrig. Sie lieben es zu feiern und ständig scheint von irgendwoher Musik zu erklingen.

googlemap


Antworten

Security Code:

Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de